Mai 252014
 

So wie ich ihn verstehe, beschäftigt Moritz Ege auf einer allgemeinen Ebene die Frage, wie sich die soziale Positionierung von Individuen unter Bezug auf ein kulturelles Referenzsystem vollzieht, dessen Struktur sich durch die ungleiche Verteilung von Einfluss, Ressourcen und Anerkennung entlang unterschiedlicher Differenzierungslinien ergibt.

Aber das ist jetzt wirklich sehr allgemein. Wer eine präzise Antwort hierauf sucht, wird wahrscheinlich enttäuscht werden. Denn die Bearbeitung der Forschungsfrage findet bei Ege ein paar Ebenen tiefer statt. Mit ethnografischen Methoden untersucht der Autor solche Selbstpositionierung junger Berliner Männer (den Geschlechterbias erkennt er klug und sensibel an) unter wesentlichem (aber keinesfalls ausschließlichem) Bezug auf deren Modegeschmack.

Neben der Analyse kultureller Repräsentationen, durch die das Identitätsangebot ‚Proll‘ symbolisch vermittelt wird, untersucht Ege in seiner Studie die Muster der subjektiven Nutzung solcher Repräsentationen. Und diese kulminieren dann etwa in der Selbstbeschreibung eines der Protagonisten, er sei ein „Proll mit Klasse“.

Materialreich versucht Ege nun transparent zu machen, was genau das aus emischer Sicht heißt. Bei mir ist ihm das allerdings nicht gelungen.[1] Verstehen im Sinne von nachvollziehen, wie die Person das meint, kann ich auch nach sorgfältiger Lektüre nicht gut. Dass Ege selbiges gelingt, bezweifele ich jedoch nicht. Diese Diskrepanz liegt m.E. in der umfangreichen Forschung begründet, die Ege unternommen hat (und ich nicht). Während seine Darstellung von Forschungsstand (nicht so systematisch, aber man weiß, zu wem er sprechen möchte) und theoretischem Design gut nachvollziehbar waren, ist das Anliegen, die Geisteshaltung der untersuchten Berliner Jugendlichen darzustellen, aus meiner Sicht überdimensioniert.

Das ist kein großes Problem und erst Recht nicht Ege anzulasten; Forschungsgegenstände richten sich in ihrer empirischen Verfasstheit nicht nach den Formaten akademischer Qualifikationsarbeiten. Hieraus ergeben sich dann allerdings auch Grenzen in der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit qualitativer Erkenntnisse. Und selbige erkennt man beim Lesen der Arbeit eben deutlich.

Die Studie ist insgesamt qualitativ angelegt und folgt dabei keinem strengen systematischen Prinzip. Die kreative Triangulation von teilnehmender Beobachtung und Interviews mit einer Analyse von kulturellen Repräsentationen aus der Lebenswelt der Beforschten ermöglicht es Ege, in seiner Arbeit einen anschaulichen Einblick in sein Forschungsfeld zu geben.

Aus meiner Sicht eignet sich das Buch sehr gut, um Leuten die Praxis der qualitativen Sozialforschung nicht nur nahe zu bringen, sondern auch schmackhaft zu machen. Dass Ege gemeinsam mit seinen Interviewpartnern „Stadtwahrnehmungsspaziergänge“ (156) unternimmt, zeigt nicht nur, dass er sich kenntnisreich und kreativ aus dem historischen Methodenfundus der Sozialwissenschaft zu bedienen versteht (die Chicago School scheint ihm insgesamt eine Inspiration darzustellen). Er vermittelt darüber hinaus den Eindruck, dass die Arbeit spannend war und Spaß gemacht hat. Indem er sich seinem Forschungsgegenstand von verschiedenen Seiten nähert, liefert der Autor eine liebevolle, dichte Beschreibung. Ganz in diesem Sinne haben mir folgende zwei Passagen beim Lesen spontane Glücksgefühle bereitet:

„Robbie beschreibt sich selbst als ‚Chiller‘, der viel kifft (‚weil es am gechilltesten ist‘) und Zeit mit seiner Freundin verbringt, mit der er seit neun Monaten – ‚beziehungsfest‘ – zusammen ist“ (654f).

„Man muss ja auf sich achten, was aus sich machen. Vor kurzem zum Beispiel hätte er sich morgens irgendwie Kakao über die Hose gekippt. Er hatte aber nichts anderes, was sauber war und richtig zusammen gepasst hat. Dann ist er nicht in die Schule gegangen und hatte lieber einen Fehltag, als schmutzig zu gehen oder mit Sachen, die nicht zusammen passen“ (375).

Plastische anekdotische Illustration bringen hier Lebenshaltungen auf den Punkt, die der Autor vorher und nachher in (öfters etwas ausschweifender, mitunter überkandidelter)  Fachsprache darstellt.[2] Vertrautheit mit der von ihm untersuchten Lebenswelt belegen auch die immer wieder angestellten Auseinandersetzungen mit der dort verbreiteten Musik des Rap, vor allem die prägnante Analyse von Bushidos „Sonnenbank-Flavour“ verdient fachlichen Respekt (vgl. ebd. 320).

Allgemein holt Ege einiges aus seinem Material heraus. Ohne dass hierbei eine systematische Auswertungsweise transparent würde, verdeutlicht sich dies etwa an seiner Interpretation von Sprachbildern, die er den Interviewtexten entnimmt. So impliziere etwa die „Metapher der Schiene“ (323) ein „starkes, aktives Subjekt, das souverän über den eigenen Körper, das eigene Selbst und seine Außendarstellung verfügt, und sich zugleich reflexiv-affirmativ auf die eigenen Praktiken und deren Etikettierung zu beziehen vermag“ (ebd.).

Das ist zwar inhaltlich plausibel und illustrativ und je nachdem mal mehr und mal weniger schön zu lesen, insgesamt liegt in dieser Darstellungsform auch eine Teilursache für den Umfang der Arbeit. Langwierige Beschreibungen und informative Überfrachtung bedingen eine Länge des Textes, die sicherlich auch geringer hätte ausfallen können.[3]

Neben dem Gewinn an Eindrücken, den ich durch die Aufbereitung des empirischen Materials genossen habe, erscheint mir auch das theoretische Anliegen der Arbeit als durchaus wertvoll. Bezugspunkte subjektiver Positionierung in kultureller Repräsentation zu suchen, ist m.E. eine gute Idee. Und Sensibilität für das Zusammenwirken dieser kulturellen Repräsentation mit der Sozialstruktur als System sozialer Ungleichheit geht der Sozialstrukturanalyse als eigener soziologischer Disziplin viel zu häufig ab.[4] Die Nutzung des Konzeptes der „Sozialfigur“ im Anschluss an Schröer und Möbius (siehe hierzu auch Seeliger und Knüttel 2010) dient hier als schöne und nützliche Heuristik (soziologisch vielleicht auch ‚Meso-Link‘?), der gesellschaftliche Strukturen (Klassenhierarchie) subjektiv erfahrbar werden lässt – ein schöner Ansatzpunkt für eine ungleichheitskritische Kultursoziologie (oder kultursensible Ungleichheitsforschung, wie auch immer; Ege ist Ethnologe, man müsste ihn fragen, wie er das selber sieht).

Insgesamt muss man leider sagen, dass der theoretische Rahmen etwas unklar abgesteckt ist. Ege arbeitet hier eher assoziativ (hierzu eignen sich die von ihm bemühten Konzepte allerdings gut). Es ist nicht klar, welche Forschungslücke er schließen will (will er das überhaupt?). Theoretische Elemente verwendet er häufig in erster Linie als Analogien zum empirischen Material, nicht als erklärende Faktoren.[5] Immerhin erspart er dem Leser aber die ausschweifende Foucault-Exegese, die solche Texte normalerweise enthalten. Die hätte dem Buch nicht zuletzt angesichts des Umfangs, den es ohnehin schon hat, auch nicht gut getan. Wo wir gerade bei theoretischen Analogien sind: Beim Lesen habe ich mich gefragt, warum der Autor eigentlich den Ansatz von Degele und Winker (2009) nicht in Betracht zieht. Mit ihrer Analyse kultureller Repräsentationen des Zusammenwirkens von Klasse, Ethnizität, Körper/Sexualität und Geschlecht bieten die beiden eine Heuristik an, die im Prinzip genau das zu erfassen versucht, was auch Ege inspiziert.

Diese Rezension ist möglicherweise insofern irreführend, als dass ich viel mehr schlechte als gute Sachen über das Buch geschrieben habe. Es ist (m.E.) zu lang, empirisch überfrachtet, theoretisch nicht stringent, sprachlich mitunter nervig und man hat bisweilen Mühe, den roten Faden zu behalten. Das sind, um abschließend mal in Arbeitgeberjargon zu verfallen, eine Reihe triftiger Kündigungsgründe. Wenn jemand ein Buch so schreibt, muss es gut werden (und zwar nicht im Sinne von ‚automatisch‘, sondern ‚verpflichtend‘). Ege kriegt hier nicht nur die Kurve, sondern schafft das mit Bravour. Mit dem entsprechenden Risiko muss der Leser allerdings leben können!

 

Anmerkungen


[1] Ähnliche Bedenken teilt, wenn ich ihn richtig verstehe, Kaspar Maase in seiner Rezension, wenn er auf die Grenzen der Möglichkeit verweist, „mit einer konventionellen Rezension dieser herausragenden Studie gerecht zu werden.“

[2] Der Kontrast bringt mitunter Stilblüten hervor, wie z.B. hier „die Atzen-Benennung soll das Ungekünstelte und Selbstbestimmte evozieren, gerade im Kontext der postproletarischen Stadt Berlin.“ Mitunter nervte mich die Sprache auch, wie z.B. hier „die Punks entkoppelten mit ihrer grundlegend postmodernen Geste das semiotische Spiel vom Prinzip der realistischen Bedeutungshaftigkeit insgesamt“ (105) oder hier „Praktiken fügen sich zu einem strukturierten – wenn auch in seiner Textur schillernden, uneindeutigen – sozialen Prozess zusammen, der wiederum aus einer Vielzahl unabhängiger Fäden besteht“ (26).

[3] An einer Stelle (475) referiert der Autor beispielsweise die Kritik, die die britische Soziologin Beverley Skeggs am qualitativen Interview als Forschungsinstrument übt. Die anschließend angeführte Tatsache, dass Skeggs in ihrer Arbeit selbst qualitative Interviews nutzt, stellen in diesem Zusammenhang genau so wenig eine (unmittelbare) inhaltliche Ergänzung dar wie der Verweis auf den Umstand, dass sie Soziologin ist und aus Großbritannien kommt (streng genommen bräuchte man auch den Vornamen nicht). Das mag kleinkariert wirken, aber Lesezeit ist bekanntlich kostbar und es kumuliert sich im Verlauf immer stärker. Auch Emilé Durkheim neigte dazu, in seinen Arbeiten (v.a. in „Über die Teilung der sozialen Arbeit“) alles aufzuschreiben, was er zu einem Thema wusste, unabhängig davon, ob die Hinweise sachdienlich sind oder nicht. Merken Sie was?

[4] Wobei natürlich auch Ege keine quantitative Sozialstrukturanalyse betreibt. Aber das ist natürlich auch gut so, die Studie ist groß genug!!

[5]  Mitunter auch im deskriptiv-empirischen Teil. Was haben die da zu suchen? Auch die Elias-Referenz und das Postulat einer relationalen Sichtweise ist schön, v.a. wenn man – wie ich – Elias mag. Aber braucht man sie für das Argument? Wohl eher nicht.

 

Literatur

Degele, Nina; Winker, Gabriele (2009): Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: Transcript

Schroer, Markus; Möbius, Stephan (2010): Diven, hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart. Berlin: Suhrkamp

Seeliger, Martin; Knüttel, Katharina (2010): „Ihr habt alle reiche Eltern, also sagt nicht, ‚Deutschland hat kein Ghetto!‘“ Zur symbolischen Konstruktion von Anerkennung im Spannungsfeld zwischen Subkultur und Mehrheitsgesellschaft. In: Prokla 160 (3)

 

Bibliografischer Nachweis:
Moritz Ege
Ein Proll mit Klasse. Mode, Popkultur und soziale Ungleichheiten unter jungen Männern in Berlin
Frankfurt a.M. 2013
Campus
ISBN: 978-3593399478
531 Seiten

 

Martin Seeliger ist Doktorand am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln.


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