Feb 062014
 

Was ist der Essay und wenn ja, wie viele? Eines wird bei der Lektüre von Georg Stanitzeks teilweise aus seiner Habilitationsschrift hervorgegangener Monographie »Essay – BRD« schnell klar: Texte Precht‘scher Provenienz, deren vorrangiges Ziel in der popularisierenden Vermittlung wissenschaftlicher Wissensbestände liegt, zählt der Autor definitiv nicht dazu.

Ansonsten tritt Stanitzek allerdings dezidiert für einen weiten Gattungsbegriff ein. Er nimmt die gebräuchliche Setzung vom Essay als Gattung der Digression ernst und steht der oft (auch von Autorenseite) hervorgebrachten Einschätzung, im Essay sei kein Raum für Erfindung, ablehnend gegenüber. Das Hauptinteresse seiner Arbeit, so erklärt Stanitzek gleich zu Beginn, liege in der vertiefenden Lektüre, dem Studium von Essays ihrer selbst willen (Vgl. S. 13f.), womit er den Eigenwert der Gattung gegenüber der verbreiteten literaturwissenschaftlichen Praxis, Essays von Autoren lediglich zum besseren Verständnis ihrer ›literarisch-fiktionalen‹ Texte heranzuziehen, hervorhebt.

Themen, Inhalte und Positionen der Essayisten interessieren ihn nur am Rande, vielmehr will er sich den ›Formen‹ der Gattung, ihrer genuin literarischen Qualitäten annehmen. Dabei sei die Darstellung »entschieden selektiv« (S. 25) und an der gegenwärtigen Essayproduktion orientiert, der Umgang mit Theorieangeboten wiederum »einigermaßen eklektisch[]« (S. 18).

Unter diesem Vorzeichen überrascht es den Leser darum zunächst, dass sich die ersten rund 200 Seiten des Buchs überwiegend theoretischen Aspekten, namentlich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Gattung ›Essay‹, den Produktions- und Rezeptionsbedingungen im Literaturbetrieb der Bundesrepublik sowie ihrer historischen (Form-)Entwicklung annehmen. Doch spricht es für die rhetorische Qualität von »Essay – BRD«, dass nur wenige die Option wahrnehmen dürften, die Stanitzek selbst dem Leser offeriert: »Wem es zu genau wird, kann weiterblättern.« (S. 22)

Kurzweilig und mitunter außerordentlich amüsant führt uns der (überaus präsente) Autor durch die historisch bedingte Begriffsverwirrung um ›den‹ Essay. Vor allem sein induktives Vorgehen dürfte dafür verantwortlich sein, dass der Leser – und zwar nicht nur der literaturwissenschaftlich versierte Leser – niemals den Kontakt zum Gegenstand verliert. Kunstvoll und gleichsam im Vorbeigehen verbinden sich die exemplarischen Essay-Analysen mit den theoretischen Inhalten. Der Titel »Essay – BRD« ist dabei nicht zufällig an Harun Farockis essayistischen Dokumentarfilm »Leben – BRD« angelehnt, denn Stanitzeks Text nähert sich in weiten Teilen selbst einem essayistischen Stil an und scheut in seiner Argumentation auch vor Werturteilen nicht zurück.[i]

Die theoretisch orientierten Kapitel unterliegen wiederum einer Zweiteilung. Im ersten Teil geht Stanitzek selbstironisch der für den Essayforscher essentiellen Frage nach: »Wie schreibt man keinen Essay?« (S. 31), um etwa in einer dazugehörigen Fußnote zu erklären, dass dieselbe nur bedingt dabei helfen würde. Kenntnis- und vor allem geistreich dekonstruiert Stanitzek im Folgenden nicht nur die Gattung des Essays, sondern auch vorherrschende Prämissen der Essayforschung, insbesondere die ihr inhärenten Paradoxien: Wie kann eine Textgattung mit dem Merkmal der Individualität definiert werden beziehungsweise – um eine gängige Allegorie zur Beschreibung der Gattung zu bemühen – wie lässt sich Proteus fesseln? Was geschieht, wenn an die Stelle von Begriffssetzungen ein (sich kaum verändernder) Katalog kanonischer Autoren tritt?

So ist »Essay – BRD« nicht zuletzt als Kritik an der »theoretische[n] und methodische[n] Zurückgebliebenheit« (S. 18) der Essayforschung und ihrer »unglücklichen Liebe zur Philosophie« (ebd.) zu lesen. Am Ende des Theorieteils leitet Stanitzek schließlich zur Frage über: »Wie schreibt man einen Essay?« (S. 155), um – vielleicht etwas verspätet – dann doch noch sein eigenes Verständnis der Gattung darzulegen: Er wendet sich gegen die historisch gewachsene Festlegung auf den kulturkritischen, auf die Prominenz seines Verfassers angewiesenen Bildungsessay. Sein Ziel besteht in einer Erweiterung des Kanons, und zwar um diejenigen Autoren, die den Essay als »Medium der Erfindung« im Sinne des literarischen (Form-)Experiments nutzbar zu machen versuchten.

Mit dieser Neukonzeption reagiert Stanitzek auch auf den Befund eines Defizits: Das Schreiben von Essays galt seit jeher als besonders angesehene Tätigkeit, und bis Ende der 1970er Jahre gehörte die Gattung auch zu den bevorzugten Gegenständen literaturwissenschaftlicher Arbeit in der Bundesrepublik. Doch dann ebbte das Interesse von Literaturtheorie und  Literaturkritik spürbar ab. Was für Georg Stanitzek rätselhaft erscheint (war man etwa von der Vitalität des Genres im zeitgenössischen literarischen Leben überfordert?), hängt nicht unerheblich mit einem sich verändernden Verständnis von der gesellschaftlichen Rolle des Schriftstellers, namentlich mit der von der philosophischen Postmoderne befeuerten »Intellektuellendämmerung«[ii], zusammen: Schriftsteller als Intellektuelle – das hatte nicht zuletzt der deutsch-deutsche Literaturstreit Anfang der 1990er Jahre gezeigt – hatten nunmehr entweder ihren Beruf verfehlt oder wurden als lebende Fossilien des Literaturbetriebs nur noch vorübergehend geduldet.

Von diesem »gemeindeutsche[n] Ekel«[iii], den uns Stanitzek verschweigt, blieb auch die Wissenschaft und damit auch die Wahrnehmung des lange Zeit »mit einem emphatischen Begriff von Intellektualität« (S. 11) untrennbar verbundenen Essays nicht verschont. Seit den 1990er Jahren erfährt die Essayforschung dagegen eine kleine Renaissance.[iv] Eine Ursache dieses neuerlichen Interesses an der Gattung ›Essay‹ ist wiederum in dem »mit der Diskussion um die Postmoderne propagierte[n] Verzicht auf allgemeinverbindliche Metaerzählungen und d[er] stattdessen erhobene[n] Forderung der legitimen Koexistenz konkurrierender, dezentraler Weltentwürfe und Perspektivierungen«[v] zu suchen.

Dies »musste[] das Interesse an einer Textsorte erneut wecken, die sich von Haus aus als unsystematische, subjektive und subsidiäre, mehr auf Problematisierung als auf Ausbreitung gesicherter Wahrheiten ausgerichtete Gattung verstand«[vi]. Was in Anbetracht der oben getätigten Aussagen paradox klingt, ist es bei genauerem Hinsehen nicht. Denn das Formenspektrum des Essays oszilliert – wie Stanitzek selbst in seiner Monographie plausibel darlegt – schon seit der Frühzeit der Gattung zwischen zwei äußerst disparaten Polen, für die exemplarisch die Namen Montaigne und Bacon einstehen können.

Während der Erstgenannte in seinen »Essais« eine offene, assoziativ-informelle Form wählt, stehen die »Essayes« von Letzterem für das Bemühen um argumentative Geschlossenheit und konstruktive Klarheit (vgl. S. 43-51). Während nun in der literarischen Öffentlichkeit der ersten Nachkriegsjahrzehnte vor allem der zweite Typus dominant war, scheint sich das Interesse zumindest teilweise wieder in Richtung des Montaigne-Pols verschoben zu haben.

Bei Stanitzek äußert sich dieser Paradigmenwechsel unter anderem darin, dass er den »Großessayisten« (S. 124) und Bildungsbürger Hans Magnus Enzensberger zwar angemessen in seiner Rolle als zentrale bundesrepublikanische Instanz der Gattung würdigt, aber fast im gleichen Atemzug seinen widersprüchlichen »Krebs- und Kreisgang« (S. 114) um die Frage angemessener Kulturkritik kritisch hervorhebt.

Als Alternative zur angestammten – und man möchte nach der Lektüre von Stanitzeks Buch ergänzen: angestaubten – Form des Essays präsentiert er dagegen die Texte der »Plaudertasche« Michael Rutschky, wobei ihm als Maßstab der positiven Bewertung ein aus der Postmoderne-Debatte wohl bekanntes Argument dient: »Die Einheit der mit Rutschky zu benennenden Stimme liegt, wenn irgendwo, darin, dass sie sich in Vielheiten zerlegt.« (S. 125)

Doch es bleibt in »Essay – BRD« nicht bei dieser einen Referenz. Es wird vielmehr eine dem ›common sense‹ der Essayforschung gegenläufige Traditionslinie aufgespürt, die von dem von Renate Matthaei im Jahr 1970 herausgegebenen »Trivialmythen«-Band und Herbert Achternbusch über den bereits genannten Michael Rutschky bis zu Autoren wie Rainald Goetz und Kathrin Röggla führt und Texte einschließt, die bis dato nicht oder nur mit Vorbehalt unter dem Etikett des Essays besprochen worden sind. Es handelt sich um komplexe literarische Collagen, in denen sich fiktive und argumentative Prosa durchmischen, die auch das alltägliche ›Geschwätz‹ aufnehmen und deshalb zumindest in ihren Ursprüngen mit dezidiert antielitärem Gestus vorgebracht wurden. Der gesamte zweite Teil des Buches ist derartigen Lektüren gewidmet, eigene Kapitel erhalten dabei Elfriede Jelinek, Alexander Kluge und Helmut Höge.

Man mag an Georg Stanitzeks »Essay – BRD« kritisieren, dass der Dekonstruktion der konventionellen Gattungsbegrenzungen keine wie auch immer umrissene eigene Definition entgegengestellt wird. Man mag einwenden, dass das selektive Vorgehen zu einer Vernachlässigung so wichtiger Wegbereiter wie Friedrich Nietzsche führt. Letztlich ist die Monographie jedoch in ihrer doppelten Verschiebung der konventionellen Forschungsperspektive auf die Gattung ›Essay‹, namentlich in der Konzentration auf die Form der Texte und in der Erzählung einer ›anderen‹ Geschichte der Gattung jenseits des Verdikts, der Essay müsse als eine genuin nicht-fiktionale Gattung betrachtet werden, zu einem gewissen Teil selbst als Experiment aufzufassen. Und dies eröffnet dem Leser überraschende Perspektiven auf die literarischen Qualitäten einer trotz der allgemein kolportierten Bewunderung in gewisser Weise doch unterschätzten Gattung.

Zu den stärksten Passagen des Buchs zählen denn auch Stanitzeks detaillierte Einzeltextanalysen, die nicht nur innertextuelle Strukturen und intertextuelle Verweise zu anderen Autoren offenlegen, sondern die Essays auch in einen jeweils größeren Kommunikationszusammenhang einordnen. Besonders verdienstvoll ist dabei Stanitzeks umfangreiche Betrachtung der Gattungsentwicklung in den letzten Jahrzehnten. Er schließt hier eine bedeutende Lücke in der zuletzt überwiegend an historischen Erscheinungsformen orientierten Essayforschung.

 

Anmerkungen


[i] Die genannten Texteigenschaften dürften auch mitverantwortlich dafür sein, dass »Essay – BRD« – für eine literaturwissenschaftliche Monographie nicht unbedingt erwartbar  – die Aufmerksamkeitsschwelle des Feuilletons überschritten hat und hier sehr wohlwollend rezensiert worden ist. Vgl. Dirk Baecker, Lizenz zur Digression. Essayistik in Deutschland, in: Neue Zürcher Zeitung, 21.09.2011; Ekkehard Knörer, Mit der Geschwindigkeit von Gedanken, in: Die Tageszeitung, 20.08.2011.

[ii] So lautet der Titel eines Sammelbandes zur angesprochenen Debatte, der allerdings selbst nur prominentes Zitat ist: Martin Meyer (Hg.), Intellektuellendämmerung? Beiträge zur neuesten Geschichte des Geistes. München, Wien 1992.

[iii] Die Aussage Klaus Wagenbachs ist hier zitiert nach Helmut Peitsch, Zur Rolle des Konzepts ›Engagement‹ in der Literatur der 90er Jahre: »ein gemeindeutscher Ekel gegenüber der ›engagierten‹ Literatur?«,  in: Georg Fischer/David Roberts (Hg.), Schreiben nach der Wende. Ein Jahrzehnt deutscher Literatur 1989-1999. Tübingen 2001, S. 41-48.

[iv] Dies zeigt sich nicht zuletzt in einer vermehrten Publikationstätigkeit im Bereich der Essayforschung: Zu nennen wären unter vielen Christian Schärf, Geschichte des Essays. Von Montaigne bis Adorno, Göttingen 1999; Wolfgang Braungart/Kai Kauffmann (Hg.), Essayismus um 1900, Heidelberg 2006; Birgit Nübel, Robert Musil – Essayismus als Selbstreflexion der Moderne, Berlin/New York 2006; Peter V. Zima, Essay/Essayismus. Zum theoretischen Potenzial des Essays: Von Montaigne bis zur Postmoderne. Würzburg 2012.

[v] Michael Ansel, Jürgen Egyptien, Hans-Edwin Friedrich: [Ankündigungstext zur Tagung »Essayistik der Moderne 1918–1950«, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 08.–11.05.2013]. Online abrufbar unter URL: http://www.essayistik-moderne.de/page46.htm#_ftn8, zuletzt gesehen am 12.12.2013.

[vi] Ebd.

 

 

Bibliografischer Nachweis:
Georg Stanitzek
Essay – BRD
Berlin: Vorwerk 8 Verlag, 2011
ISBN 978-3-940384-33-1
359 Seiten


Nikolas Buck
ist Doktorand im Promotionskolleg »Literaturtheorie als Theorie der Gesellschaft« an der Universität Münster.

 

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