Dez 092013
 

[leicht überarbeitete Version des Aufsatzes aus: Klaus Hödl (Hg.): Nicht nur Bildung, nicht nur Bürger. Juden in der Populärkultur, Studien Verlag: Innsbruck 2013, S. 81-90]

1.

In der Popkultur geht es zu einem großen Teil darum, hip zu sein, und wenn man es nicht ist, es zu werden.[1] Der Zustand der Hipness oder des Hip-Seins ist dabei schwer zu definieren. Meistens ist es beträchtlich einfacher zu sagen, was nicht hip ist. Hip könnte „angesagt“, „aktuell“ oder „in“ bedeuten. Aber es beinhaltet auch „gefährlich“ und „anders als die anderen“ (also Älteren), also vor allem „jung“, „schräg“, „schick“ oder „cool“. Wobei „cool“ wiederum eine andere Kategorie als hip bezeichnet, und beide Ausdrücke nicht identisch sein müssen. Jüdisch zu sein war wohl seit den Zeiten des Zweiten Tempels nie besonders hip. Und noch in den 1990er Jahren, als jüdische Identität und Jüdisch-Sein in der Popkultur nicht mehr codiert werden mussten, sondern offen thematisiert wurden, wie etwa in den enorm erfolgreichen Sitcoms Seinfeld (NBC, 1989-1998) oder The Nanny (CBS, 1993-1999), ging es immer um Figuren, die bereits jüdisch waren und nicht um solche, die es werden wollten.

Dieser Aufsatz geht von der Überlegung aus, dass Jüdisch-Sein und die Wahrnehmung des Jüdischen in der Popkultur einem prinzipiellen Wandel unterworfen sind,[2] und dass das Judentum seit einigen Jahren durchaus an Hipness-Faktoren gewonnen hat. Dieser Wandel lässt sich paradigmatisch an der religiösen Praktik der Konversion zum Judentum zeigen, die in der Popkultur der letzten Jahre immer wieder  – nicht nur in Madonnas merkwürdiger Hinwendung zum kalifornischen „Kabbalah-Center“, sondern auch in durchaus ernsthafter Gestalt – fiktive und reale Biographien bestimmt.

Aus der jüdischen Perspektive gesehen geht es in der Popkultur um eine von vielen möglichen Aktualisierungen der Tradition, die jedoch weder religiös noch ideologisch ausgerichtet ist. Liturgische und traditionelle Texte und Kontexte werden im Pop kulturalisiert und in gewisser Hinsicht universalisiert. Dies geht so weit, dass sogar Pop selber, seine Erzeugnisse und seine Geschichte, zu einem neuen Kanon eines säkularen Judentums werden kann. Dies hat kürzlich Joshua Neumann, der ehemalige Herausgeber des New Yorker Heeb Magazine, sehr prägnant beschrieben.[3]

Aus der Perspektive des Pop erscheint das Judentum somit nicht mehr wie im Lauf seiner mehrtausendjährigen Geschichte als die paradigmatische Minderheit, sondern als Teil einer Gesellschaft, die nur aus Minderheiten besteht. Judentum ist eine Performance oder ein Register, auf das unterschiedliche Protagonisten zurückgreifen, um im jeweiligen Kontext angemessen zu kommunizieren.[4]

Gerade für das Verständnis dieser Umkehrung bietet die Popkultur das ideale Medium. Im Folgenden möchte ich diese Überlegung anhand der Darstellung und der Wahrnehmung der Konversion zum Judentum konkret zeigen. Es sollen drei sehr unterschiedliche Beispiele aus dem Bereich der Popkultur angeführt werden. Dabei spielen die historisch unterschiedliche Einschätzung des gijur, der halachischen Bestimmungen, oder die unterschiedlichen Einschätzungen verschiedener Rabbiner oder verschiedener jüdischer Denominationen keine Rolle. Um zum Juden zu werden, müssen prinzipiell drei Bedingungen erfüllt sein. Erstens ist dies der freie Wille, zweitens die Beschneidung und drittens das rituelle Tauchbad. In der Antike kam noch ein Opfer dazu. Grundsätzlich wird der Übertritt vor dem bet din, einem rabbinischen Gericht mit mindestens drei Mitgliedern, bezeugt.[5]

Doch es ist nicht der religiös-interne Diskurs, den ich in diesem Aufsatz untersuchen möchte, sondern die Signifikanz des Vorgangs an sich für das Judentum der Gegenwart. Stellte der Proselyt im Großen und Ganzen vom Ende der jüdischen Präsenz in Palästina bis zum Ende des 20. Jahrhunderts eine Marginalie und vor allem eine Anomalie des Judentums dar, so verschieben sich dessen Implikationen in der globalen Popkultur der 2000er Jahre hin zu einer Universalisierung und De-Essentialisierung des Jüdischen selbst. Diese Verschiebung möchte ich mit den folgenden Beispielen erweisen. Das erste Beispiel ist eine groteske Szene der Konversion in der erwähnten Sitcom Seinfeld, zweitens werde ich Konversionen nichtjüdischer Frauen in romantischen Komödien anführen, und drittens möchte ich einen kurzen Blick auf die Geschichte eines afroamerikanischen Hip-Hopers werfen, der real zum Judentum konvertiert ist.

2.

Was diesen dritten Aspekt besonders interessant erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass vielleicht mit der Ausnahme von Sammy Davis Jr., der 1954 zum Judentum konvertiert ist, das zentrale Phantasma der Popkultur eher darin bestand, schwarz zu werden. In Worte und Gesten fasst dies am eindrücklichsten Lou Reeds Song „I wanna be black“ von 1978: „I wanna be black /have natural rhythm /Shoot twenty foot of jism too /And fuck up the Jews. /I wanna be black, I wanna be a panther /Have a girlfriend named Samantha /And have a stable of foxy whores /Oh, oh, I wanna be black!“[6] Diese Sehnsucht nach dem Schwarz-Sein ist auch eine problematische Aneignungsfantasie, die mit Projektionen afrikanischer Sexualität spielt. Es ist eine merkwürdige Selbstabwertung und Selbstfindung gleichzeitig, in der das Afroamerikanische den Status des verbürgerlichten und assimilierten Judentums einnimmt. Weiß und schwarz sind aus Reeds Perspektive essentielle Kategorien: Weiß ist langweilig, bürgerlich und Mainstream; schwarz ist sexy und hip.

In einer legendären Nummer hat der Stand-Up Komiker Lenny Bruce aber bereits 1960 die subkulturelle Zuordnung von „hip“ und „nicht-hip“ auf die Begriffe „jüdisch“ und „nicht-jüdisch“ übertragen. Bruce liefert quasi das Gegenbild zu Lou Reeds martialischer Selbstverneinung: „Now I neologize Jewish and goyish. Dig: I’m Jewish. Count Basie’s Jewish. Ray Charles is Jewish. Eddie Cantor’s goyish. B’nai Brith is goyish; Hadassah, Jewish.“[7] Die afroamerikanischen Musiker Count Basie und Ray Charles werden plötzlich „jüdisch“, während Eddie Cantor (geboren in New York als Isidore Iskowitz) „goyish“ wird. In seiner Geschichte der jüdischen Komiker in Amerika schreibt Lawrence J. Epstein, dass ein Jude zu sein für Bruce bedeutete, einen spezifischen „approach“ zum Leben zu haben, einen bestimmten Tonfall und eine Haltung („attitude“): „Bruce’s ‚Jews‘ were urban and hip […] while his ‚goyim‘ were too unhip for his taste, whether or not they were actually Jewish.“[8]

Heute scheint sich Bruces de-essentialisierende Zuordnung etabliert zu haben. Auf jeden Fall legt dies die erfolgreichste Sitcom der 1990er Jahre, Seinfeld, nahe. Zwei der vier Protagonisten und die meisten Nebenfiguren der von Larry David und Jerry Seinfeld geschaffenen Serie sind explizit jüdisch. Die Figuren von George Constanza, Jerrys bestem Freund, und Elaine Benes, der weiblichen Hauptrolle, sind mit einer bewussten Ambivalenz bezüglich ihres kulturellen und religiösen Backgrounds konzipiert.[9] Wie man heute weiß, hielt Brandon Tartikoff, der Verantwortliche in der Produktionsfirma, das Konzept der Show anfänglich für „zu jüdisch“. Doch bekanntlich hatte die Serie einen gigantischen Erfolg. Sie wurde Mitte der 1990er Jahren zu der beliebtesten Sitcom der USA und erreichte ein Publikum, das bei weitem nicht auf urbane Juden beschränkt blieb.[10] Die letzte Episode „The Finale“ wurde am 14. Mai 1998 ausgestrahlt und von geschätzten 76 Millionen Zuschauern gesehen.

Die Charaktere in Seinfeld sind keine guten Menschen. Ihr offener Egoismus, ihr Materialismus und ihre ständigen gehässigen Auseinandersetzungen bilden die Grundlage für viele Plots in der Serie. Und das war offenbar einer der Gründe, weshalb die Charaktere als Figuren des Amerikanischen, und weniger als ethnisch oder religiös vom Amerikanischen unterschiedene Figuren, wahrgenommen wurden.

Doch auch der Lebensstil, ständig in Cafés zu sitzen und über Essen und Superman-Comics zu reden oder über Bekannte zu schnöden, wurde offensichtlich von einer Mehrheit der Fernsehzuschauer nicht unbedingt als „jüdisch“, sondern ganz einfach als amerikanisch klassifiziert. So ist es auch mit Jerrys Unfähigkeit, eine erotische Beziehung lange aufrecht zu erhalten: Man kann seine Suche nach der perfekten Frau von Date zu Date als Metapher für die Unmöglichkeit der Assimilation deuten. Aber in diesem Charakterzug erkannten sich ganz einfach auch Hunderttausende von gleichaltrigen, postmodernen Thirtysomethings. Dates in allen Varianten sind denn auch bis heute das zentrale Thema von stilbildenden Sitcoms wie Friends (NBC, 1994-2004) oder How I met your mother (CBS, 2005-).

Dennoch gründete die Popularität von Seinfeld tiefer. Die Show thematisiert nämlich auch das Problem der Zugehörigkeit, beziehungsweise das verbreitete Gefühl, dass traditionelle Muster von Zugehörigkeit in der globalisierten Welt nicht mehr ausreichen, um die individuellen Befindlichkeiten zu fassen. Religiöse, ethnische oder nationale Identitäten werden in Seinfeld als prinzipiell auswechselbar gezeigt.

Die berühmte Folge „The Yada, Yada“ (1997, 8/19), geschrieben von Peter Mehlmann, beginnt damit, dass George und Larry im Café Jerrys Zahnarzt treffen, der ihnen eröffnet, vor zwei Tagen zum Judentum konvertiert zu sein. Auf die Frage, ob er eben auch im Fitness-Studio gewesen sei, antwortet er: „I just sat in the sauna. It was more like a Jewish workout.“ Jerry ist darauf hin ernsthaft verärgert über den Witz, der sich das Vorurteil zu eigen macht, dass Juden unsportlich seien. Er meint später zu Elaine: „I mean, the guy is Jewish only two days, and allready he’s making Jewish jokes!“ In der Folge entspannt sich eine komplexe Handlung, in der sich Jerry bei einem katholischen Priester, ein anderer Patient des Zahnarztes, über die Witze beschwert, sich aber anscheinend nicht als Jude, sondern als Komiker von ihnen verletzt fühlt. Der ursprünglich katholische Zahnarzt wiederum beharrt auf seinen alten jüdischen Witzen und meint zur Begründung, dass der Sinn für Humor der Grund für das Überleben des jüdischen Volkes sei. Paradoxerweise geht der völlig areligiöse Jerry von einem religiösen Verständnis des Judentums aus, während der zum Judentum konvertierte Zahnarzt ein kulturelles Verständnis vertritt.

Auch der Begriff des Volkes wird in der Folge völlig ad absurdum geführt. Weil Jerry sich überall beklagt, wird er schließlich von seinem Nachbar Kramer beschuldigt, ein „Anti-Dentite“ zu sein, was sich merkwürdigerweise bestätigt. Bei einer Hochzeit machen Jerry und seine Freundin ‚zahnarztfeindliche‘ Witze. Die Freundin meint schließlich, dass niemand Zahnärzte brauche, „not to mention the blacks and the Jews!“ Die Folge endet mit Jerrys verzerrtem Gesicht. Es bleibt offen, ob er auf Grund der rassistischen Reaktion der Freundin auf einmal die diskriminierende Tendenz seines eigenen Zahnarztwitzes erkennt, oder ob ihn der Einblick in den performativen Charakter der Identität sowie die Verletzlichkeit der eigenen Identität erschüttert.

Volk, Gemeinschaft, Religion, Identität, Geschichte, Kultur, Berufung, Job, Hobby: Die Ordnungen der Zugehörigkeit scheinen durcheinander geraten zu sein, beziehungsweise ist die Gewichtung dieser verschiedenen Arten der Gemeinschaft nicht mehr klar hierarchisiert. Die Seinfeld-Folge führt anhand der Konversion des Zahnarztes zum Judentum vor, dass es eine Identität als Komiker, als Zahnarzt, als Jude gibt – und doch mehr als unklar ist, was diese Identitäten im je individuellen Fall bedeuten.

3.

Die Seinfeld-Folge zeigt die völlige Ungewissheit des Jüdischen in einer säkularen Gesellschaft. Wie ein Negativbild verweist sie damit auf zwei andere Szenen, die ich nun ebenfalls kurz betrachten möchte. In dem Film Keeping the Faith (2000) spielt Ben Stiller Jacob Schramm, einen offensichtlich hippen Rabbiner, für den die offensichtlich nicht-jüdische Geliebte (Jenna Elfman) am Schluss beabsichtigt, zum Judentum zu konvertieren. Dieser Schritt – er wird von ihr bloß erwogen und noch nicht ausgeführt – wird im Film zwar als Beweis ihrer großen Liebe präsentiert, doch im Unterschied etwa zu einer Konversionsszene in Seinfeld, die bloß dazu diente, die Komplexität jüdischer Identität in sich komisch zu veranschaulichen, wird hier ernsthaft die Möglichkeit eines solchen Religionswechsels in Betracht gezogen.

Während die „Schickse“, die nichtjüdische Frau, lange Zeit das Objekt der Begierde für die männlichen jüdischen Protagonisten (etwa bei Philip Roth) spielte, und jüdische Frauen mit einem nichtjüdischen Partner, wenn sie eine Ehe eingingen, sich oft gezwungenermaßen aus der jüdischen Gemeinschaft verabschieden mussten, wird nun in Keeping the Faith ein ganz anderes Bild gezeigt. Ein männlicher und sehr attraktiver Jude, der außerdem religiös ist – und so hip, dass seine blonde, ebenfalls gut aussehende Geliebte, um bei ihm zu sein, die jüdische Religion und Kultur studieren und annehmen möchte. Obwohl der Film nicht frei von Klischees ist und gänzlich den Genre-Konventionen einer romantischen Hollywood-Komödie folgt, ist es bemerkenswert, dass Jacobs Jüdisch-Sein vollständig frei scheint von Ambivalenz, die die Figuren des Jüdischen noch in den 1990er Jahren begleitete.

Eine ähnlich affirmative Darstellung findet sich in der fünften und sechsten Staffel von Sex and the City (HBO 1998-2004). Die Serie um vier Freundinnen in New York verhandelt in leicht idealisierter Form praktisch alle kleinen und großen Ereignisse, die eine moderne Frau betreffen können: Beziehungen in allen Varianten, One Night Stands, sexuelle Erfüllung und Frustration, Einsamkeit, Übergewicht, Shopping, Job, Streit mit den Freundinnen, Hochzeiten und Scheidungen, Schwangerschaft und Geburt, Aids-Test, Brustkrebsdiagnose etc.

Dabei werden alle Episoden aus der Sicht von Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) erzählt, einer erfolgreichen Kolumnistin mit einem komplizierten Liebesleben. Obwohl vor allem die explizite Thematisierung von Sexualität aus explizit weiblicher Sicht die Serie populär machte, wurde öfters darüber spekuliert, ob Carrie jüdisch sei.[11] Es ist gegen Ende der Serie jedoch ihre Freundin Charlotte York – „the quintessential WASP“[12] –, die auf einmal mit dem Judentum in Kontakt kommt. Sie verliebt sich nämlich in ihren Scheidungsanwalt Harry Goldenblatt (Evan Handler), den sie zuerst unästhetisch, aber erotisch anziehend findet. Harry ist ein „Mensch“ durch und durch, warmherzig und liebevoll. Ohne so religiös zu sein wie Jacob Schramm in Keeping the Faith, ist Harry doch seinem Judentum sehr verbunden. Als sie heiraten wollen, fordert er von Charlotte, dass sie konvertiert.

Der Vorgang der Konversion wird in der Serie realistisch gezeigt. Charlotte wird zuerst von einem Rabbiner abgewiesen, nimmt dann Unterricht und nähert sich langsam der jüdischen Tradition an. Ironisiert wird das Ganze dadurch, dass Charlotte ihren Religionswechsel mit dem gleichen Perfektionismus angeht, mit dem sie auch ihr Park Avenue-Appartement einrichtet oder ihr Lauftraining absolviert, denn abgesehen von den religiösen Ritualen nimmt Charlotte auch jiddische Redewendungen auf. Doch was eigentlich das Judentum für Harry bedeutet, ist alles andere als klar. Als Charlotte für Harry ein perfektes Schabbat-Abendessen vorbereitet, wird sie von ihm verletzt, denn er möchte eigentlich bloß ein Baseball-Spiel schauen („Pick-A-Little, Talk-A-Little“, Folge 4/6). Die Szene führt zu einem bitteren Streit, auch wenn Harry und Charlotte sich gemäß dem pseudoromantischen Schema der Show wieder versöhnen werden.

Es ist eine Schlüsselszene für das Verständnis jüdischer Identität in der Popkultur: Charlotte, mit einem schwarzen langen Kleid und einem weißen Kopftuch bekleidet, spricht in perfektem Hebräisch und in der korrekten Melodie die bracha über die Kerzen für den Schabbat-Anfang, während Harry an ihr vorbei auf den Bildschirm starrt, um das Spiel nicht zu verpassen. Charlotte ist in einem religiösen Sinn jüdischer als Harry, der nicht auf Kaschrut-Regeln achtet und lieber ein Mets-Spiel schaut als zu beten. Dass er trotz dieser Gleichgültigkeit auf eine Konversion und anschließend auf eine jüdische Hochzeitszeremonie besteht, zeigt im Gegensatz zu Jacob in Keeping the Faith eine gewisse Ambivalenz bezüglich seines Jüdisch-Seins. Doch wiederum im Gegensatz etwa zu den Protagonisten aus Woody Allens Filmen aus den 1970er Jahren – beispielhaft dafür ist etwa Alvy Singer aus Annie Hall – scheint er mit dieser Ambivalenz völlig problemfrei umgehen zu können. Die Ambivalenz besteht, aber sie stört nicht. Vielmehr ist sie unaufhebbar. Sie gehört zum modernen Leben dazu. Harry Goldenblatt aus Sex and the City ist ein erfolgreicher Anwalt in New York, ist klug und hat eine schöne Frau. Unmissverständlich ist er für das weibliche Publikum als Figur eines idealen Ehemannes angelegt. Die Tatsache, dass er auch noch jüdisch ist, dient zwar zur Charakterisierung seiner Figur, macht ihn aber in keiner Weise zu einem Vertreter einer besonderen Minderheit.

Sein durchaus stereotyp gezeichnetes Judentum macht ihn nicht exotischer als die anderen Charaktere der Serie, die alle ihre eigenen Identitäten haben. Die Herausforderungen, die sich aus Charlottes Wechsel zum Judentum ergeben, werden in der Serie mit der gleichen Ironie und mit dem gleichen dokumentarischen Interesse behandelt wie beispielsweise auch der große Altersunterschied in der Beziehung von Samantha Jones zu ihrem jüngeren Freund, Mirandas Affäre mit einem afroamerikanischen Arzt oder die Tatsache, dass Mirandas Sohn, den sie zusammen mit einem irischen Katholiken hat, getauft werden soll. Es geht hier weniger um kulturelle Abweichungen von einem Mainstream, sondern darum, dass es diesen gar nicht gibt, oder dass der Mainstream sich immer im Ausgleich und in der Auseinandersetzung der verschiedenen Minderheiten bildet.

Die fiktiven weiblichen Charaktere in Keeping the Faith und Sex and the City konvertieren aus romantischer Liebe. Die jüdische Identität des Bräutigams ist weder ein Hinderungsgrund für diese Liebe, noch ein besonderer Attraktionsgrund. Obwohl es jeweils nicht frei von Klischees ist, ist weder Jacob Schramms noch Harry Goldenblatts Judentum irgendwie exotisch. Es ist ganz einfach ein wichtiger Teil ihrer Identität. Die beiden sind hip nicht trotz und auch nicht wegen ihres Judentums. Sie sind es aus sich selbst heraus.

4.

Wenn man die Geschichte der Popkultur auf einen Begriff bringen möchte (und für einen Moment die völlig illegitime Verkürzung und auch die unangemessene Intellektualisierung dieser Abstraktion ausblendet), dann könnte man sagen, dass sich die diskursbestimmende Idee von einer Fiktion des Mainstreams mit devianten Utopien (Hipster, Punk etc.), die nach und nach vom Mainstrem adoptiert werden, in einen „Mainstream der Minderheiten“ verwandelt.[13] Dieser neue Mainstream ist eigentlich mehr ein Feld verschiedener Ströme und Nebenströme, die ineinander fließen und sich spalten. Heute sind dem entsprechend so viele und so vielgestaltige Figuren des Jüdischen in der Popkultur sichtbar geworden, dass allein der Gedanke an essentialistische Zuordnungen lächerlich erscheint.

Begann die Geschichte der Popkultur damit, dass Juden zu Schwarzen werden wollten, um hip zu werden, kann nun die umgekehrte Bewegung beobachtet werden. Ein inspirierendes Beispiel stellt in dieser Hinsicht der Afroamerikaner Yitzhak Jordan dar, der Anfang der 2000er Jahre zum Judentum konvertiert ist und unter dem Namen Y-Love als orthodoxer jüdischer Rapper in den USA und in Israel Musik produziert und auftritt. Religiöse jüdische Popmusiker haben sich gerade im Bereich des Hip-Hops und des Reggaes seit einiger Zeit etabliert.[14] So hat unter anderen Matisyahu (Matthew Miller) ein ausgesprochen breites Publikum erreicht, seine Alben und Singles bewegen sich regelmäßig einige Wochen auf den ersten hundert Plätzen der US-Charts. Matisyahu hat zwar eine ganz neue Repräsentation des Judentums gefunden, doch für das Judentum selbst scheint seine Performance keine großen Konsequenzen zu haben. Y-Loves Konversion hingegen scheint mir auf einen tiefen Wandel im Verständnis des Jüdischen auch im Judentum unter den Bedingungen der Pop-Moderne hinzuweisen.

Y-Love ist Sohn eines äthiopischen Vaters und einer puertoricanischen Mutter und stammt aus sehr einfachen Verhältnissen in Baltimore. Heute sagt er in Interviews, dass ihn das Judentum immer schon angezogen habe und dass er eine „jüdische Neshamah“, eine jüdische Seele habe. Er sei über seine Großmutter, die anscheinend ebenfalls eine Affinität zum Judentum verspürte, zum Judentum gekommen, aber habe erst nach einigen orientierungslosen Jahren als Jugendlicher den Schritt der Konversion erwogen. Diesen habe er in einem chassidischen Umfeld in Brooklyn vollzogen. Anschließend habe er einige Zeit in einer orthodoxen Yeshiva in Jerusalem zugebracht, die speziell für ‚Rückkehrer zum Glauben‘ oder Übergetretene konzipiert sei.

Wie er in einem Interview erklärte, sei sein Lernpartner in der Yeshiva ein amerikanischer Jude  und Hip Hop Fan namens David Singer gewesen; zusammen hätten sie Talmudtraktate mittels Rap memoriert. Als beide 2001 nach New York zurückgekehrt seien, hätten sie begonnen, in kleinen Clubs aufzutreten. Obwohl Y-Love sowohl in der jüdisch orthodoxen als auch in der afroamerikanischen Community auf Rassismus gestoßen sei, werde er als afroamerikanischer Jude akzeptiert. In dem Interview erzählt er, dass die Yeshiva-Kids in Jerusalem wild auf seine Musik seien – und seine Songs auch die einzige Hip Hop Musik sei, die von den Rabbinern  zugelassen werde (eine Bemerkung, die ich nicht nachprüfen konnte). Y-Loves Alben verkaufen sich auch in den USA und bei einem nicht-orthodoxen Publikum gut.[15] Unterdessen zeugt das Label und Webplattform shemspeed.com vom gewachsenen Selbstvertrauen und der Vernetzung der Musiker, die sich als „jüdische“ Hip-Hop Künstler verstehen.

Y-Loves Thema seiner genuin religiösen Musik ist die Bewegung zwischen Einzelnem und Gott, zwischen Exil und Israel. Seine erste CD, die 2008 veröffentlicht wurde, trägt den Titel This is Babylon. Die Texte sind auf Englisch, Hebräisch, Aramäisch, Jiddisch und Französisch und bilden so die babylonische Sprachverwirrung sowie die linguistische Vielfalt der jüdischen Diaspora ab. Wie Matisyahu (in seinem Song „Jerusalem“) benutzt auch Y-Love in einem Song zusammen mit dem ebenfalls ortodox jüdischen Musiker DeScribe (mit bürgerlichem Namen Shneur Z Hsofer) den Text des 137. Psalms, der auf Hebräisch gerappt wird.[16] Interessanterweise wird hier der liturgische Ausdruck der religiösen und ethnischen Minderheit in den Zusammenhang mit der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gebracht, die von den Musikern so interpretiert wird, dass nun die verschiedenen Minderheiten alsMinderheiten und als Teil eines Ganzen zusammen leben.

Ob diese utopische Vision besonders sinnvoll oder realitätsnah ist, sei hier nicht diskutiert. Bemerkenswert im Kontext einer historischen Analyse des Judentums in der Popkultur ist aber, dass das Heimweh nach und die Erinnerung an Jerusalem für den afroamerikanischen jüdischen Musiker kein Ausdruck eines Partikularismus ist. Vielmehr bedeutet das Schlagwort „Change“, das die Wahl Obamas befeuert hatte, für ihn auch ein grundlegender Wandel der Identität an sich. Jüdisch-Sein und vielleicht noch viel mehr Jüdisch-Werden sind mit Y-Love so hip geworden, dass das Judentum sogar Hip Hop – die wohl hipste Ausdrucksform des Planeten – absorbieren konnte. Die Performance der Konversion in der Popkultur zeigt, dass sich unter ihren Bedingungen das Judentum von einer minoritären Tradition zu einer virtuell universalen Matrix transformiert hat.

 

Anmerkungen


[1] Der Begriff Popkultur ist von der populären Kultur klar abzugrenzen. Mit Popkultur werden seit den 1960er-Jahren die Produkte der (internationalen) Unterhaltungsindustrie (hauptsächlich TV, Musik und Film, aber auch Comics) bezeichnet, aber auch die darauf bezogenen subkulturellen und subversiven Tendenzen, die ihrerseits wieder vom Mainstream adaptiert werden. Pop ist ein Konzept, das zwischen Kult und Konsum, Populärem und Subversivem nicht unterscheidet, sondern eine Austauschbewegung zwischen diesen Feldern beschreiben möchte. Vgl. dazu auf Deutsch v.a. Thomas Hecken: Pop. Geschichte eines Konzepts 1955-2009 (Bielefeld: transcript, 2009); und etwas älter aber immer noch wegweisend Tom Holert / Mark Therkessidis (Hg.): Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft (Berlin: Edition ID-Archiv, 1996).

[2] Vgl. dazu die Nummer Cool Jewz von Shofar: An Interdisciplinary Journal of Jewish Studies, Volume 25, Number 4, (2007); und ausführlich auf Deutsch: Caspar Battegay: Judentum und Popkultur. Ein Essay (Bielefeld: Transcript, 2012).

[3] Joshua Neuman: „The Religion of Jewish Popular Culture“, JMB Jüdisches Museum Berlin Magazin, 2011 / Nr. 4, „Radical Jewish?“, 60-61.

[4] Dieses Verständnis von jüdischer Identität prägt den kulturwissenschaftlichen Ansatz der Jüdischen Studien generell, vgl. Simon C. Bronner: „Introduction: The Chutzpah of Jewish Cultural Studies“, Ders. (Hg.): Jewishness: Expression, Identity, and Representation (Oxford / Portland, Oregon: The Littman Library of Jewish Civilization, 2008), 1-29, hier v.a. 17.

[5] Vgl. „Proselytes“, in: Encyclopedia Judaica. Second Edition, ed. Fred Skolnik (Jerusalem: Keter, 2007), 16, 587-594.

[6] Auf dem Album Street Hassle, Arista Records 1978.

[7] The Essential Lenny Bruce, hg. von John Cohen, London 1973, S. 53.

[8] Lawrence J. Epstein: The Haunted Smile. The Story of Jewish Comedians in America (New York: Public Affairs, 2001) 172.

[9] Zur Ambivalenz jüdischer Repräsentation in Seinfeld vgl. Rosalin Krieger: „‚Does he actually say the word Jewish?‘ – Jewish Representations in Seinfeld“, Journal for Cultural Research, Volume 7, Number 4 (2003), 378-404.

[10] Vgl. David Zurawick: The Jews of Prime Time (Brandeis University Press, 2003) 201-217.

[11] Zu einer Einordnung dieser Diskussion in die Theorie ethnischer Identität in der Popkultur vgl. Michele Byers / Rosalin Krieger: „From ugly Ducking to cool Fashion Icon: Sarah Jessica Parker’s Blonde Ambitions“, in: Shofar: An Interdisciplinary Journal of Jewish Studies, Volume 25, Number 4, (2007), 43-63.

[12] < http://www.samuelfreedman.com/articles/jinterest/ust07172003.html> (Herbst 2011).

[13] Vgl. hier wiederum Tom Holert / Mark Therkessidis (Hg.): Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft (Berlin: Edition ID-Archiv, 1996).

[14] Zur Geschichte des jüdischen Raps vgl. Keith Kahn-Harris: „Creating Jewish Rap: From Parody to Syncretism“, Transversal. Zeitschrift für Jüdische Studien, Innsbruck, Wien, 10,1 (2009), 21-38.

[15] <http://www.youtube.com/watch?v=jsBd52_6iB0>, (Herbst 2011).

[16] <http://www.youtube.com/watch?v=whLYM9o946w>, (Herbst 2011).

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Studien Verlags. Weitere Hinweise zum Buch hier.

 

Caspar Battegay ist Assistent am Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel.

 

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