Dez 022013
 

Es war einmal. Es war einmal so etwas wie ein Körper 1.0. Bevor wir ihn durch technisches Know-how upgedatet haben auf eine Version 2.0. Das muss eine Zeit gewesen sein, in der Körper einfach nur Körper und Maschine einfach nur Maschine war. Diese Zeiten sind vorbei. Eine solche Ordnung gibt es nicht mehr. Davon künden zumindest unsere Alltagserfahrungen: Etwa wenn ein alarmierendes Piepen beim Flughafen-Check-In einen Hinweis auf ein metallenes Hüftgelenk oder einen Herzschrittmacher gibt. Nicht die Cyborgs der Science Fiction Filme versuchen da nämlich ins Flugzeug zu gelangen. Stattdessen betritt der homo protheticus von nebenan die Bühne unseres Alltagslebens.

Um die heutige Realität des technologischen Zu- und Eingriffs auf den Körper aufzuspüren, braucht es keinen Kinosessel, sondern vielmehr einen Blick in die nächst gelegene Chirurgie, Reproduktions- oder Schönheitsklinik. Vielleicht auch ins Fitnessstudio um die Ecke. Alles Modellierstuben, die Kapazität des Vorhandenen zu steigern. Das ist die eine Geschichte. Eine von teleologischer Machart. Eine, die von einer kontinuierlichen Verbesserung berichtet. Und dabei einen Ur-Körper imaginiert, den man im Laufe der Zeit Modifikationen unterzieht.

Karin Harrasser spielt in ihrem Essay mit der Logik des Updates, der Überschreibung und Ergänzung der Vorgängerversion einerseits, der Verbesserung und Optimierung andererseits, um eine andere Geschichte zu erzählen. Diese handelt von einem Körper, der Produkt vielfältiger Aushandlungsprozesse ist. Diese sind deshalb zentral, weil sie die Basis dafür stellen, ob wir als Gesellschaft den Einsatz von Körpertechnologien als legitim oder illegitim erachten.

Wenig heikel scheint allgemein deren Anwendung, wenn diese dazu dient, einen als defizitär (bzw. krank) anerkannten Status zu überwinden und somit der Gesundheitsnormen zu entsprechen. Kein Brillenträger wird sich in diesem Sinne für das Tragen seines Hilfsmittels ethisch rechtfertigen müssen. Wann aber wird aus einem Hilfsmittel Enhancement? Die Grenzsteine für den Übertritt von therapeutischer Freiheit zur Selbstverbesserung und Selbstüberformung stecken zugleich das Feld dessen ab, was wir als krank oder gesund, als normal oder anormal anerkennen.

Wie diese Grenzsteine gesetzt werden, ist allerdings diffus. Geschieht das im Elfenbeinturm der Wissenschaft oder in eigens einberufenen Ethikkommissionen? Oder sind ihre Platzierung nicht vielmehr (auch) Bestandteil popkultureller Deutungskämpfe, die zwischen Imaginarium und wissenschaftlichen Möglichkeiten changieren?

Um diese Fragen zu beantworten, hat sich Harrasser dem Geschichten-Erzählen verpflichtet: Sie korreliert somit Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Hier die Abfolge von Filmsequenzen, dort die Debatte darüber, ob der Prothesenträger Oscar Pistorius an den Olympischen Spielen teilnehmen darf oder nicht, oder was wir von der in Aussicht gestellten Google-Datenbrille halten sollen. Solche Verbindungen zu stiften setzt voraus, Medien als ein »Milieu« zu verstehen, in dem »etwas Geltung und Wirksamkeit erlangt.« (S. 71) Insbesondere »Beispiele von Supercyborgs aus der Populärkultur sind Legionen […]. Als Vor- und Schreckensbilder proliferieren sie in globalen Medienwelten. […] Die uneingelösten Versprechen, die sich mit der technischen Erweiterbarkeit des Menschen verknüpfen, erschöpfen sich aber nicht in diesen ›Corporate Cyborgs‹, sie besiedeln die Vorstellungskraft vieler.« (S. 14).

Diese Vorstellungskraft sorgt für ein Nebeneinander unterschiedlicher Lesarten der Körperwirklichkeit – anlässlich der Paralympics etwa Inklusionserzählung, Überschreitungserzählung und diejenige vom inklusiven Humanismus – und deren Kampf um die Deutungshoheit im Wahrheitsspiel (S. 57f.).

Auf diese Weise gelangt Harrasser zu einer Wahrnehmung von Technologien, an denen sich »vergangene und aktuelle Beziehungen und weltgenerierende Milieus« ablesen lassen (S. 103). Technologien sind dabei »Artefakte, die Einbildungskräfte anregen und den Körper längst in einen anderen transformiert haben.« (S. 103f.). Sie ernst zu nehmen rechtfertigt auch die tagesaktuelle Entscheidungsnotwendigkeit. Eine solche setzt Begriffsarbeit voraus, die ihren Nährboden auch durch Erzählungen und Bildern erhält (S. 131).

So kann Harrasser zeigen, was Hans-Jörg Rheinberger mit seinen epistemischen Dingen im Sinn hatte, eine Auffassung, welche die Differenzierung zwischen technischen und epistemischen Momenten im Forschungsprozess als beweglich definiert, und wofür etwa Christina Brandt und Philipp Sarasin entsprechende Argumente geliefert haben.

Der in neun Kapitel unterteilte Essay (die sich alle als eigenständige Texte lesen lassen) vermisst ein zwischen den Polen der Normalität und der Überbietung vermintes Gelände. Da stehen sich neoliberalistische Selbstoptimierung auf der einen, Autonomie und Emanzipation auf der anderen Seite gegenüber. Harrasser geht es allerdings nicht darum, die im ethischen Sinne strenge Antwort darauf zu liefern, ob wir sollen, was wir können.

Stattdessen wirbt sie für die Situierung eines spezifischen Problembewusstseins. Mit dieser Herangehensweise macht sie die Kulturwissenschaften als eine Scharnierdisziplin stark, die einen offensichtlichen Beitrag dazu zu leisten hat, wie sich die naturwissenschaftliche Entwicklung lesen lässt, weil »die biomechanische Forschung […] sich Fragen nach dem Status des Menschen und nach der kulturellen Frage nach dem Status des Menschen und nach der kulturellen Gemachtheit von Gesundheit« annähert (S. 46). Weil »technische Körperbearbeitungen im Horizont einer Neuberwertung dessen, was Leben ist, analysiert werden« (S. 87), verlangt dies konsequenterweise eine disziplinäre Öffnung, die sich der Verstrickung von Selbsttechniken, Produktivität, der Gradierungen im Wert von Leben im Horizont der Gesundheitspolitik stellt.

Harrasser zielt mit diesem Verfahren auf die Widerlegung bzw. historische Situierung der auf den Körper bezogenen klassischen Teleologie und der von ihr ausgehenden Effekte. Diese seien eine »historisch, epistemologisch und politisch höchst voraussetzungsvolle spezifische Konstellation« (S. 11), in der sich weder »biotechnologische Körpermodifikationen noch andere Anthropotechniken […] selbstverständlich auf ein Individuum als stabile Einheit beziehen (können). Denn das selbstreflexive Individuum, das Selbst, entsteht ja erst als eine historisch spezifische Prägform im Knotenpunkt von Körpertechniken und Praktiken der Selbst- und Fremdbeobachtung.« (S. 12)

Peter Sloterdijk hatte die Veränderungsmöglichkeiten des Menschen differenziert in eine Immunisierungs- und eine Steigerungstechnik und damit unterschieden zwischen der Angleichung an die Norm und deren perfektionistischer Überbietung. Eine solche Lesart allerdings empfindet Harrasser als »modernistische Verlusterzählung« (S. 11). Sloterdijk hatte sich ja in seinem Buch »Du musst dein Leben ändern« auf den Begriff der Übung festgelegt, und der ist der Entwicklungslogik verpflichtet. Wer könnte sich stattdessen als Gewährsfrau eindrücklicher anbieten, als die Herrin der Cyborgs Donna Haraway? Deren Text »Ein Manifest für Cyborg« macht ja genau das Gegenteil stark: Die Interdependenz zwischen Körper und Technologien nicht als Verlust zu begreifen, sondern sie emanzipatorisch zu wenden. Sie hat vor allem die welterschaffenden Kräfte der Fiktion stark gemacht.

Harrasser fördert damit ein Verständnis zutage, das den biotechnisch hybridisierten Körper als eine Konstellation begreift, »die ist, wie sie ist, die aber auch anders sein könnte« (S. 73). Daraus folgt: Es macht keinen Sinn, das Lied des (unaufhaltbaren) Fortschritts anzustimmen, der zu nichts anderem führt als einem neuen Normalitätsverständnis, das selbst wiederum so etwas erzeugt wie einen gesellschaftlichen Konformitätsdruck:

»Denn der Ausdruck 2.0 kann nichts anderes meinen, als dass mit Blick auf eine Vorgängerversion eine Verbesserung stattgefunden hat, dass es eine offene Stufenleiter hin zur Perfektion gibt und dass uns nichts anderes übrig bleibt, als die nächste Stufe zu erklimmen. Mit einem Medienbegriff, der von Milieus der Hervorbringung (von Wahrnehmung, von Körpern, von Sozialität von Maschinen) ausgeht, gibt es hingegen keine Stufen und auch keine Verbesserungen.« (S. 73)

Aufgrund dessen gelangt sie für ihre Ausgangsfrage überraschend zu dem Schluss: »Es gibt keine Körper 2.0, keine Versionierung, keine Vorhersehbarkeit des technischen Fortschritts. Aber es gibt eine Teilsouveränität des Handelns, eine fortlaufende Vermischung und Komplizierung des Handelns.« (S. 127).

Mit dem Titel des Essaybandes sind wir also zunächst auf die falsche Fährte gesetzt worden. Wenn es den Körper 2.0 nicht gibt, warum ihm dann 131 Seiten widmen? Nehmen wir die theoretischen Voraussetzungen, die Harrasser in ihren Geschichten ausbreitet, jedoch ernst, dann offenbart sich ein geschickter begrifflicher Zug im Wahrheitsspiel: Indem wir uns der Wirkungsweisen und der Handlungsdynamik vergegenwärtigen, gewinnen wir Übersicht in der neuen Unübersichtlichkeit.

Das ist keine Frage von Fort- oder Rückschritt, sondern die Möglichkeit, das genauer in den Blick zu nehmen, was Harrasser Teilsouveränität nennt. Diese greift den Gedanken auf, dass die Frage des technologischen Einsatzes immer gekoppelt ist an die Frage der Autonomie. Wenn ich Technik in Anspruch nehme, gebe ich folglich einen Teil meiner Souveränität auf. Was Harasser dabei aber entdeckt, ist eine weitere Seite, die der Utopie des Halbierens verpflichtet ist: Wenn eben nicht allein wir es sind, die da handeln, dann kann das umgekehrt ja auch zur Entlastung führen. Die Verweigerung souveränen Handelns sei nämlich »eine Form der Widerständigkeit« (S. 119).

Die Bewusstmachung, dass alle unsere Handlungen teilsouverän sind, befreit eine entsprechende Analyse von ihren Tränen. War nicht die der Trauer eingeschriebene Autonomie-Idee vielmehr eine Fiktion? Jeder Einsatz von Technik unterscheidet sich von dem anderen. Harrasser hält dafür, dass Teilsouveränität attraktiv und politisch sein kann. »Teilsouveränität ist immer situiert, niemals skalierbar oder generalisierbar.« (Ebd.)

Was das praktisch zu bedeuten vermag, lässt Neil Harbisson erahnen. Über dessen Kopf nämlich thront eine Kamera, die ihm ein Defizit zu kompensieren hilft: Harbisson ist farbenblind. Die Kamera übersetzt die Bilder vor seinen Augen. Sie nimmt die Farben wahr und verwandelt sie in Schallwellen. Harbissons teilsouveräne Welt ist eine Symphonie von Klängen. Die Kamera ist auf seinem Passfoto gut sichtbar. Sein Träger ist Mitglied der Cyborg Society. Noch in diesem Jahr will auch die German Cyborg Society ihre Gründung vollziehen. Dafür werden Menschen gesucht, »die sich als Cyborg fühlen«, unabhängig davon, ob sie in »eines der gängigen Definitionsschemata» passen. (Call for cyborgs)

Ein solcher Aufruf unterstreicht die Kontextsensitivität des Assemblage zwischen Körper und Technik, die in einem Zusammenhang mit der Geschichte – dem Märchen? – steht, das wir von uns erzählen und dem die anderen bereit sind zuzuhören. Die Grenzvermessung, die Harrasser leistet, betrifft auch die zwischen Update und Upgrade. Und zwar bezogen auf das auf den Körper gerichtete Wissen in den kreisenden Schreibbewegungen einer glücklichen Positivistin.

 

Bibliografischer Nachweis:
Karin Harrasser
Körper 2.0. Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen
Bielefeld 2013
transcript Verlag
ISBN 978-3-8376-2351-2
144 Seiten

 

Julia Diekämper (Dr.phil.) ist Kulturwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Lehrbeauftragte und Autorin.

Wer den Artikel in einer wissenschaftlichen Arbeit zitieren möchte, verweise bitte auf die mit Seitenzahlen versehene PDF-Version:

 


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