Aug 172013
 

Seine »ebenso unwiderstehliche wie unendliche Lust an der Spekulation«, die »intellektuelle Komplexität« seiner »Denk-Figuren«, das »eigenartige Profil seiner Erzählung von der Technikgeschichte als Kulturgeschichte«, seinen »spezifischen intellektuellen Stil, seinen Gestus, seine Gestalt, seinen Ansatz « – kurz, die »in ihrem Kontext absolut zu nennende, an keine Vorläufer anschließende Originalität von Kittlers intellektuellem Stil« (S. 397 ff.) beschwört Friedrich Kittlers Kollege und teilweiser Weggefährte Hans Ulrich Gumbrecht im Nachwort zu dieser Veröffentlichung noch einmal herauf. Dabei wäre dies gar nicht nötig.

In den dreiundzwanzig zwischen 1978 und 2010 an verschiedenen Orten veröffentlichten Essays ist sie immer noch spürbar, die intellektuelle Energie, die wahr- und wahnhafte ›Theorie-Raserei‹ dieses Mythomanen/Mythografen (bedingt das eine nicht immer das andere?) Friedrich Kittler. In diesem Sinne ist dies kein »Best of«-Album  – dazu würden auch die Hits aus »Aufschreibesysteme 1800/1900« (1985) und »Grammophon Film Typewriter« (1986), seinem in kommerzieller Hinsicht erfolgreichsten Buch, fehlen –, wohl aber ein »B-Sides and Rarities«-Sampler, der es in sich hat. Anspieltipps und Sound-Beispiele gefällig?

Frage: Durch wen oder was wurde der Zweite Weltkrieg für die Alliierten gewonnen? Kittlers Antwort: Durch Alan Turing und seine Maschine im Bletchley Park, rund 70 Kilometer nordwestlich von London, im Informations- und Geheimdienstkrieg gegen die deutsche Enigma. Nicht von der Roten Armee oder den braven Sowjetbürgern von Rostov beispielsweise, welche die deutschen Soldaten mit Bratpfannenhieben aus ihrer Stadt trieben. Sie bekommen nicht einmal eine Nebenrolle in Kittlers Fabel zugesprochen. Ihr Einsatz war und ist völlig irrelevant, denn »der Zweite Weltkrieg, um es kurz zu machen, konfrontierte einfach zwei Schreibmaschinen […] Wichtigster Faktor für den Kriegsausgang war die Tatsache, dass der britische Geheimdienst die ersten operationalisierten Computer der Geschichte (und damit das Ende von Geschichte) installierte« – ergo »jede von einem Algorithmus gesteuerte Maschine kann geschlagen, ja überboten werden, vorausgesetzt, daß die Feindmaschine über eine Obermenge von Algorithmen verfügt. Genau das hat den Zweiten Weltkrieg entschieden. Computer waren und sind die strategisch entscheidende Gegenoffensive eines Medienkriegs« (S. 242).

In »Die künstliche Intelligenz des Weltkriegs: Alan Turing« hat Kittler dem vermeintlichen Computer-Erfinder (»einer der wenigen wahren Helden in seiner Mediengeschichte« – Gumbrecht, S. 408) und Autisten, der seine Uhr nach einem Stern stellte, seinen Heuschnupfen mit Gasmasken bekämpfte, Fahrradschäden mit Bindfäden reparierte und mit elf Jahren seine erste Schreibmaschine konstruierte (entgegen gesicherter biografischer Fakten – auch dies gehörte zu Kittlers Arbeitsweise…) ein Denkmal gesetzt. »Umsonst hatte Zuse dem Heereswaffenamt nahegelegt, die angeblich unschlagbare Enigma durch seine Computer zu ersetzen. Umsonst hatte Heinrich Scholz, Göttingens letzter Logiker […] Turings maschinelle Widerlegung des Hilbert-Programms übersetzt […]. Also holte die Wehrmacht Turings kriegsentscheidenden Vorsprung nicht auf (um von der Roten Armee zu schweigen)«.

Eine weitere Frage: Wer erfand eigentlich Pop- und/beziehungsweise Rockmusik? Musikwissenschaftler und Poptheoretiker würden wohl zu umfassenden Erklärungsansätzen ausholen, auf die komplexe Entwicklung von Folk und Traditionals, Blues, R ’n’ B und Jazz verweisen, vielleicht den Einfluss der Beatles ausloten. Kittler hingegen antwortet schlicht: Der deutsche Panzergeneral Heinz Guderian. Und die Beweisführung, mit der diese gewagte These in medienhistorisches (oder medienphilosophisches – um Kittlers kurzzeitige Lieblingsbezeichnung seines Fachgebiets zu nutzen) Arsenal übergeht, lautet (in Kurzform) so:

Wenn man davon ausgeht, dass die Wahrheit nur im Medium selber hausen kann, nicht in seinen Botschaften, dann ergibt es Sinn, dass »die Wahrheit der Songs […] [zusammen fällt – S.G] mit den Medien, die ihnen Weltmacht eintrugen. Um allerdings selber wieder zusammenzufallen mit dem militärisch-industriellen Komplex am Radioursprung. Doch auch wenn die Stones den Text von ›Beggar’s Banquet‹ nach Zufallsgesetzen aus lauter Zeitungsschlagzeilen zusammengeschossen haben sollten – ›Sympathy for the devil‹  spricht es trotzdem aus, welchem Satan, Funkerspuk oder Geisterheer die Musik als solche verdankt ist: ›I rode a tank, held a general’s rank, when the blitzkrieg raged and the bodies stank‹. Schon mit bescheidenen Mitteln der immanenten Interpretation folgt aus diesen Zeilen der Ursprung der Rockmusik […]: Der Blitzkrieg tobte von 1939 bis 1941. Ohne seine medientechnischen Innovationen wäre Sound weiterhin jener Brei aus dem AM- oder Dampfmaschinenradio, jene Schlagerseligkeit mit Obertonbeschneidung, Rauschen und Fading […] [es – S.G] führte der Mißbrauch von Heeresgerät […] zur Rockmusik. […] Deshalb kann man mit den unüblicheren Mitteln des Aktenstudiums den Blitzkrieg-General im Befehlspanzer, diesen rockmusikalischen Luzifer, auch mit Namen nennen. […] [Er – S.G] ließ […] 1934 […] vom Heereswaffenamt prüfen, ob Ultrakurzwellen tatsächlich von jedem Strauch auf dem Gefechtsfeld abgefangen werden. Das Testergebnis, allen Lehrmeinungen zum Trotz, war negativ. Also konnte Guderian jeden einzelnen Wehrmachtspanzer mit UKW-Funk ausrüsten. Die Brieftauben von 1917 durften in ihre Schläge zurück« (S. 207 f.). Und Guderian wird vom Nazi-General zum (auch) Godfather of Rock. Die Doors, Jimi Hendrix, die Beatles (›Sgt. Pepper‹!), Barry McGuire und Pink Floyd werden zudem vom Feldgerichtskommandanten Kittler vernommen und müssen ihren »Mißbrauch von Heeresgerät« rechtfertigen.

Kittlers Ansatz basierte von Beginn an darauf, alle weichen, warmen Faktoren (lógos/Geist/Software) komplett auszuschalten. An die harte, kalte Substanz (physis/Körper/Hardware) sollte es gehen – die »Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften« (S. 401) erhob er zum Programm, schon in seinen frühen Jahren in Freiburg, als er »auf der Theorieüberholspur […] Klassiker der Dissidenz gegen jede Art von hermeneutischer Harmlosigkeit« schuf (Jürgen Kaube: Jede Liebe war eine auf den ersten Blick. Zum Tod von Friedrich Kittler. FAZ; 18.10.2011). ›Eigentlichkeit‹ war stets die Parole bei seinen epistemologischen Stoßtrupp-Unternehmen.

Wie Gumbrecht noch einmal – gegen jede postume Relativierung – im Nachwort betont, war Kittler im Auftreten stets »frei von Selbstironie« (S. 397), in seiner Präsenz  »kompromißlos nüchtern« (S. 406), und ein Wort, das ihm zeitlebens gefiel, lautete: Klartext. Dies »stand für einen deiktischen Gestus, der implizieren sollte, daß alle weiteren Begründungen oder Erklärungen angesichts einer freigelegten Konstellation von Phänomenen nur tautologisch sein konnten« (S. 407). Dies erzeugte nicht nur Misstrauen, sondern auch Neid, Häme, Verachtung, Spott im akademisch-intellektuellen Milieu.

Hier liegt nun der Fehler in Gumbrechts Einschätzung des Kittler’schen Werkes. Er räumt Kittler einen Einfluss auf dieses Milieu, dies- und jenseits der deutschen Hochschulen und Institutionen ein, den er abseits der von Hubert Burda finanzierten und flankierten Stiftungsprofessur an der HU Berlin und dem Forum, das ihm die Feuilletons weniger Zeitungen boten, nie hatte. Sein Einfluss – man spürt dies nach seinem Tode deutlicher denn je – auf die »akademisch-intellektuellen Bewegungen in Deutschland zwischen 1978 und 2010« (S. 399) war gering, und wenn »in Deutschland heute unentschlossene Erstsemester, die Kittlers Namen nie gehört haben, nicht selten ›etwas mit Medien‹  studieren wollen«, ist das alles andere als  »ohne seinen Einfluß ganz undenkbar« (S. 397), keineswegs Kittler geschuldet, sondern Resultat einer spezifischen Sozialisation zwischen GZSZ, Casting-Shows, Karrieremagazinen und der sich daraus auf krude Weise speisenden Erwartungshaltung. Gumbrecht selbst offenbart Zweifel an seiner These, wenn er von »nicht nachlassender akademischer Skepsis« gegenüber Kittlers Werk berichtet und ihn die »Einhelligkeit, mit der man nun plötzlich aus der Retrospektive seine singuläre Bedeutung allenthalben feierte«, verblüfft (S. 396).

Denn Kittler spielte mit Vorliebe den ›bad boy‹ im linksliberalen Akademie-Milieu, gefiel sich in schwelgerischen »apokalyptischen Perspektiven« (Gumbrecht, S. 406), wenn er vom ›sogenannten Frieden‹, in dem wir alle leben, schrieb und sprach – nichts weiter als eine vorübergehende Zwischenkriegszeit, die nur der kommenden Mobilisierung diene. Ein Vorentwurf, die Probe der totalen Mobilmachung des post-postmodernen Körpers (vorerst noch) in Clubs und Discotheken, durch Videospiele und Gewöhnungsprozesse an den Speed der seriell-produzierten und unseren Lebenstakt bestimmenden Klein- und Kleinstrechner. Alles, das stört, muss raus aus den Köpfen und Körpern:  »Systemschranken, physikalische Nebeneffekte, Störquellen usw. All das Rauschen, daß unmöglich zu verhindern ist, doch wenigstens zu minimieren« (S. 299) – das ist der Zwischenkriegsauftrag im ›Klartext‹.

Auch so lassen sich die Kittler-Essays der 1980er-1990er Jahre heute lesen: Als Prophezeiung, die uns vom Ausgang der großen Krise berichten. Aber ist die Barbarei so unvermeidlich? Was lässt sich dem Programm der Mobilmachung entgegensetzen? »Vielleicht muss die Liebe unter Weltkriegsbedingungen aus weißem Rauschen kommen« (S. 213), heißt es bei Kittler. Die Liebe überhaupt – ein Ausweg, den Kittler zum Ende seines Lebens, seines Werkes hin manisch im alten Griechenland suchte, wie Gumbrecht pointiert darstellt. Die letzte Metamorphose in der intellektuellen Biografie des Freiburger Germanisten gleicht einem befreienden Akt – aus der selbst deklamierten »Nacht der Substanz«  (S. 409) hin zum hellen Licht der Götter, Mythen, Sagen, Versprechen – zum  »ungeheuren Himmelsglanz über Griechenland« (S. 389), verbunden mit Spekulationen über das Frühchristentum, die Entstehung des Alphabets, musiktheoretische Überlegungen, Heidegger-Exegese. 2001 fragte er sich und uns: »Wie kommt es, daß Leute in Europa nicht die Liebe wissen, sondern das Wissen lieben«?

Der Schlüssel zur Antwort auf diese Frage könnte auch in den hier versammelten Essays liegen, die die »Denk-Energie« (S. 399) Kittlers wahrlich spürbar machen und lebendig halten, wie es der Wunsch des Herausgebers ist.

 

Bibliografischer Nachweis:
Friedrich A. Kittler
Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart
Hg. v. Hans Ulrich Gumbrecht
Berlin 2013
Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-29673-8
432 Seiten

 

Sven Gringmuth ist Lehrkraft für besondere Aufgaben am Germanistischen Seminar der Universität Siegen.

 

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