Aug 082013
 

[erweiterte Fassung des Aufsatzes „Lokales ohne Kolorit“, in: „‚Über Alles oder Nichts.‘ Annäherungen an das Werk von Wolfgang Welt“, hg. von Steffen Stadthaus und Martin Willems, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2013]

Da ich in denselben Städten wie Wolfgang Welt lange gewohnt habe (Bochum) und wohne (Witten), kann ich grundsätzlich einigermaßen beurteilen, ob seine Bücher „Nachrichten aus der Wirklichkeit“ sind, wie der Suhrkamp Verlag meint. Da ich in der Zeit, von der Welts Berichte bislang handeln (in erster Linie die 1980er Jahre), zum Teil ähnliche Dinge wie Welt gemacht habe (an der Ruhr-Universität Philosophie und Germanistik studiert, für Stadtzeitungen und Musikmagazine einige Artikel geschrieben), fühle ich mich natürlich erst recht berufen, den Realismustest anzustellen. Um gleich mit meinem Expertenwissen einzusetzen: Tatsächlich, es gibt nicht nur diese Eigennamen (Claus Bredenbrock, Christoph Biermann, Charly vom ALRO usw.), die mit den Namen im Geburtsregister belegten Personen haben die ihnen in Welts Büchern nachgesagten Tätigkeiten wirklich ausgeübt.

Doch halt, ist das überhaupt wichtig? Welts Schriften sind schließlich nicht als Privatdruck erschienen, sondern in Verlagen, die ihre Bücher bundesweit an Leute verkaufen wollen, die weder Bochum noch Welts Freunde und Kollegen kennen. Auch machen die Verlage deutlich, dass es sich für sie nicht um Protokolle handelt, sondern um Literatur im wahrscheinlich schönen, jedenfalls nicht expositorischen Sinne.

Bei der ersten Buchveröffentlichung von Welt, „Peggy Sue“ (Konkret Literatur Verlag), heißt es auf dem Cover: „Roman“. Eine Wiederveröffentlichung in der kleinen Edition Xplora läuft unter dem Titel „Peggy Sue & andere Geschichten“, wobei die „anderen Geschichten“ größtenteils Zeitschriften- und Tageszeitungsveröffentlichungen sind, einige davon Musikartikel. Der Suhrkamp Verlag, der „Peggy Sue“ zum dritten Mal auflegt, unter dem Titel „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“ zusammen mit „Der Tick“ und der Erstveröffentlichung „Der Tunnel am Ende des Lichts“, kommt zur gleichen Einstufung: „Drei Romane“ steht auf der Titelseite.

Der Autor ist damit ganz einverstanden. Oft genug spricht er mit anderen darüber, dass er sein Manuskript als Roman herausbringen möchte, am liebsten beim bekanntesten deutschen Hochkulturverlag. Erste Absagen lassen ihn resignieren: „Dann muß eben die deutsche Literatur auf meinen Geniestreich verzichten“ (Doris hilft, Ffm. 2009, S. 93).

Wir wissen dies aber natürlich nur, weil Welt doch weiter gemacht und bald einen Verlag gefunden, schließlich sogar bei Suhrkamp veröffentlicht hat. Also doch Geniestreich, deutsche Literatur, Roman! Aber wieso eigentlich? Wir wissen doch nur von Welts literarischen Ambitionen aus seinen Büchern. Offenkundig glauben wir Welt, dass es sich in den Büchern um seine Lebensgeschichte handelt. Im speziellen Fall muss sogar kein Leser, auch der nicht, der Bochum nur als Eintrag in der Bundesligatabelle kennt und von Witten nie gehört hat, am Wahrheitsgehalt der Aussagen Welts zweifeln. Die inzwischen publizierten Bände sind ja der Beweis dafür, dass der Ich-Erzähler Welt selbst ist, dass aus den Manuskripten, von denen die Rede ist, die Bücher geworden sind, die der Leser in Händen hält.

Warum also Roman, warum nicht Autobiografie? Höchstwahrscheinlich ist das Motiv der Roman-Einordnung beim Verlag dasselbe wie beim Autor. Roman, das verspricht mehr Nimbus, Roman ist Kunst und Kultur mit großem K, zumindest als Teil der „deutschen Literatur“.

Mit hohem Nimbus ist zwar auch die Autobiografie verbunden, aber auf andere Art und Weise. Hoher Nimbus, öffentliche Bekanntheit ist hier die Voraussetzung, dass jemand über sein Leben in einer Buchveröffentlichung schreiben darf. Welt weiß das natürlich alles selbst, deshalb sein Drang zur „Literatur“. Vollgültig versteht er die Sache aber offensichtlich nicht. Über eine Absage von Kiepenheuer & Witsch schreibt er, als gäbe es in „der Literatur“ keine Hierarchien: „Frau Matthaei schrieb, mein Buch sei genauso armselig wie das Leben, das ich führte. Ich war k.o. So etwas sagte mir die Lektorin von Rolf Dieter Brinkmann. Hatte der denn nicht auch ein armseliges Leben geführt? Waren seine Bücher deshalb auch armselig?“ (Doris hilft, S. 93)

Schon richtig, aber Brinkmann war eben auch Dichter, Verfasser hochgemuter literarästhetischer Essays, Herausgeber und Lancierer neuer literarischer Richtungen, öffentliche Person, die Kritikergrößen aufmerksamkeitsheischend attackiert, Tabubrecher. Nichts davon steht bei Welt zu Buche, in der literarischen Szene tritt er nicht in Erscheinung.

Nur aber wer bereits etwas darstellt, darf sich schriftlich in aller Ausführlichkeit in Autobiografien darstellen. Ausnahmen bestätigen dabei die Regel; demokratische, egalitäre oder radikal plebejische Bestrebungen der ‚Geschichte von unten‘, der Alltagsethnografie, der ‚Literatur der Arbeitswelt‘ haben sich weder auf dem Buchmarkt noch in den Feuilletons durchsetzen können; zudem versammeln sie fast immer mehrere Beiträger in einem Band oder bringen einzelne Mitschriften und Selbstzeugnisse in repräsentativer Manier heraus.

Wegen der üblichen Bindung des Genres der Autobiografie an bekannte bis berühmte Personen (zumindest wenn die Autobiografien in publikumswirksamen Verlagen erscheinen) ist gewährleistet, dass jeder solide informierte Zeitgenosse, Zeitungsleser, Fernsehzuschauer über die Richtigkeit der autobiografischen Basisangaben urteilen kann. Lüge und Fantasie darf in solchen Autobiografien nicht walten, sie kann es aber auch nicht, weil sich kaum jemand täuschen ließe. Spielraum für Lüge und unbewusste Fantasie bieten nur die Passagen, in denen sich der Autobiograf über sein der Öffentlichkeit bislang verborgenes Leben und seine Gedanken, Motive, Wünsche äußert. Als Fantasie, schon gar nicht als Lüge dürfen solche Passagen aber keineswegs entdeckt werden. Es gehört zur Konvention des Genres, dass in der Autobiografie die Wahrheit steht. Zuwiderhandlungen bestraft die Öffentlichkeit zumeist mit Missachtung.

Als Personen des öffentlichen Lebens sind die Autobiografen nicht selten sogar in Teilen ihres sog. Privatlebens Bestandteil medialer Archive; Informationen darüber sind gut dokumentiert und jederzeit abrufbar, wenn sie nicht ohnehin im Gedächtnis und Anekdotenschatz vieler Menschen fest verankert sind. Grobe Unwahrheiten oder offenkundig fiktionale Zusätze verbieten sich auch deshalb, weil die Autobiografen als bekannte Personen ihr Leben oftmals in Kreisen geführt haben, die ebenfalls in der Öffentlichkeit stehen, in sie hineinwollen oder als Journalisten, Publizisten, Klatscherzähler zu ihr entscheidend beitragen – und die darum ein großes Interesse daran haben, mögliche Lügen und Fantasievorstellungen aufzudecken, sowie über die Möglichkeit verfügen, dies öffentlich zu machen.

All das scheidet im Falle Wolfgang Welts aus. Er selbst ist nicht bekannt, seine Bekannten sind es, mit Ausnahme Herbert Grönemeyers, auch nicht. Das hat sich auch durch die Veröffentlichung der Bücher nicht geändert. Die Bücher scheinen nicht einmal dafür gut zu sein, Kontakt zu alten Freundinnen herzustellen, wie es sich Welt in den Büchern manchmal erträumt. Nicht einmal Widersprüche, Klagen oder Proteste gegen die Nennung ihrer Namen und die Schilderung ihres Sexlebens hat es wohl von den Bekannten Welts gegeben, wahrscheinlich fühlen sie sich nicht bedeutend genug, so etwas auf juristischem Wege anzustreben.

Vielleicht haben einige von ihnen auch nie erfahren, dass sie nun im Buche stehen, obwohl Welt der eigenen Aussage nach in vielen Fällen keinerlei Anstalten unternimmt, sie vor einer solchen Entdeckung zu schützen. Dass Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig seien, es sich bei den Figuren um Komposita aus mehreren Vorbildern oder um weitergedichtete, letztlich fiktionale Konstruktionen handle, auf solche ästhetischen (und rechtlichen) Erklärungen und Vorsichtsmaßnahmen realistischer Literatur verzichtet Welt weitgehend.

Deshalb spreche ich hier auch nicht vom Ich-Erzähler, sondern sage, wenn im Erzählbericht „ich“ steht: Wolfgang Welt – behandle die Bücher also als Autobiografien, nicht als Romane im Sinne fiktionaler Narration. Ist damit der Autor Welt gescheitert, hat er überhaupt kein Recht, Zugang in die deutsche Literatur bekommen zu wollen? Ganz offenkundig nicht, wie die Aufnahme ins Suhrkamp-Programm offiziell belegt! Es muss demnach etwas anderes sein, weshalb die Aufnahme ins literarische Programm gerechtfertigt werden kann.

Wenn es schon nicht die Schaffung eines eigenen fiktionalen Reiches ist, eines Kunstwerkes, das ganz für sich bleibt und in dem alle einzelnen Realien innerhalb der Ganzheit der Fiktion vorgeblich (wie die Literaturwissenschaft oft meint) ihren wirklichen Charakter verlieren – dann liegt es nahe, den Kunstwert im Gegenteil zu suchen, in der naturalistischen, genauen Schilderung eines Alltagsausschnitts. Immerhin ist seit gut einem Jahrhundert in künstlerischen Kreisen recht gut anerkannt, dass es eine wichtige Aufgabe der Literatur sei, Wirklichkeitsbereiche auch außerhalb der Sphäre der Herrschenden in den Blick zu nehmen, und dies nicht nur verklärend, sondern sogar in aller wirklichkeitsnahen Präzision.

Hier komme ich wieder als Zeitzeuge, in meiner Eigenschaft als Bochumer und als 80er-Jahre-Musikjournalist, ins Spiel. Dass die Eigennamen für mich oftmals leicht erkennbar keine Erfindungen Welts sind, habe ich bereits gesagt. Die Feststellung gilt für alle Protagonisten aus der Musik-, Literatur- und Journalistenszene, die bei Welt vorkommen (nicht beurteilen kann ich das bei den Nachbarn Welts von der Wilhelmshöhe, seinen Arbeitskollegen in der Nachtwächterabteilung und seinen Freundinnen, Bekannten sowie einigen Angestellten von Plattenfirmen, die er erwähnt). Mit den Mitteln des Internets heutzutage sogar für jeden Leser leicht zu überprüfen sind Straßennamen, die Namen der Kneipen und Diskotheken, Ortsangaben zu städtischen Gebäuden. Sie entstammen ausnahmslos der Welt außerhalb der Buchdeckel.

Was erfahren wir aber genau über diese Gebäude, Personen, Vergnügungsstätten? Entsteht ein Bild Westfalens, das für heutige auswärtige Leser und künftige Generationen von kulturhistorisch interessierten Bürgern und Wissenschaftlern nützlich ist? Die Antwort darauf lautet (auch wenn Feuilletonisten schon einmal in ihrer üblichen Manier, die Suhrkamp-Lektoren Eindruck macht, Welt als „Chronisten“ Bochums bezeichnet haben): eher nein. Welt interessiert sich kaum dafür, wie Dinge oder Menschen aussehen (von Brüsten abgesehen), er nennt sie nur gerne beim Namen.

Er interessiert sich auch nicht dafür, was Menschen denken oder was sie weltanschaulich umtreibt. Er interessiert sich nur dafür, was sie gerade tun, wenn er dabei ist, oder ob die Dinge da sind, die er gerade braucht oder gut findet: „Was sollten wir tun. Wir fuhren in das Viertel, das heute als Bermuda-Dreieck bezeichnet wird. Der einzige Laden, der sich auf Anhieb anbot, war das Barrio, das heutige Café Konkret. Jane ging rein, aber jetzt um elf hatten die die Küche dicht“ (Der Tunnel am Ende des Lichts, wiederveröffentlicht in: Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe, Ffm. 2006, S. 364). Oder: „In der Zeit kam mal der Christoph Biermann mit ein paar Jungs in den Laden rein. Die waren von der Vorgruppe, die er im Marabo mit ihrer ersten Single gehypt hatte. Sie kamen aus Wanne-Eickel“ (Peggy Sue, wiederveröffentlicht in: Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe, Ffm. 2006, S. 49). Oder: „Dann erzählte er mir (er hieß Claus), daß er seinen Job als Lehrer aufgegeben hatte und in der folgenden Woche für mindestens ein Jahr nach England ziehen würde“ (Peggy Sue, S. 108). Und: „Claus und ich fuhren in die Zeche. Wir gingen die Treppe zum Restaurant hoch. Auf den Stufen mußte er die Einladung vorweisen. Die Plattenfirma schien einen Ausflug gemacht zu haben“ (Doris hilft, S. 53).

Das alles ist völlig richtig, ich kann es bestätigen, ich bin dabei gewesen; nun, nicht in dem Moment natürlich, aber Stunden, Tage, Wochen vorher oder nachher. Ich könnte sogar über Claus, Christoph, Barrio, Zeche etc. noch sehr viel berichten. Sicherlich könnte Welt das auch, er möchte es aber schriftlich nicht (wahrscheinlich auch nicht im Gespräch, schätze ich). Sein Realismus ist alltäglich im besonderen Sinne, nicht aber in dem herkömmlicher realistischer oder naturalistischer Literatur, die sich ebenfalls dem Besonderen verpflichtet fühlt, jedoch nicht sonderlich alltäglich davon erzählt.

Wenn man im Alltag über den Alltag berichtet, erzählt man seinen Freunden und Bekannten nicht die Einzelheiten, die man beim allerersten Mal vielleicht noch ausführlicher beschrieben hätte, man sagt nur, was sich gerade, gestern oder vorgestern zugetragen hat. Zwar interessiert das schon im nächsten Moment oder in den nächsten Tagen meistens niemanden mehr (dann gibt es ja neue Dinge von gerade eben zu erzählen), im Moment selbst gilt das aber als einigermaßen berichtenswert, nicht jedoch eine detaillierte Schilderung des Wesens von Christoph oder der Inneneinrichtung des Barrio.

Die Alltagsbekannten, denen man das erzählt, wissen schließlich, wie Christoph charakterlich beschaffen ist oder wer üblicherweise ins Barrio geht, etc. Denen muss man das nicht sagen. In gedruckten Büchern wiederum läuft das zumeist genau umgekehrt, da soll alles wie zum ersten Mal stehen oder ein Detail symbolischen Wert gewinnen. Nicht aber in Welts Veröffentlichungen. Manchmal, wie bei Claus oder Christoph, erfährt man nicht einmal beim Bericht des ersten Kennenlernens, wie sie aussehen, oder bei der ersten Erwähnung einer Kneipe wie dem Barrio, was sie für Gäste anzieht oder wie sie eingerichtet ist.

Wahrscheinlich werden Welts Autobiografien deshalb als Romane veröffentlicht: Nicht nur haben sie keinen bekannten Helden oder bedeutende Ereignisse vorzuweisen, sie tun auch ihr Möglichstes, um sprachlich und vom Erzählduktus her (nicht nur bei der Erzählperspektive, wie das in den meisten realistischen Romanen der Fall ist) im Banne des Persönlich-Alltäglichen zu bleiben.

Das wäre zwar noch vor nicht allzu langer Zeit das trefflichste Kriterium für Unkultur gewesen, nach ihrer modernen, dem Schönen abgeneigten Wende hält aber die Hochkultur – nur sie – selbst dafür in einer avantgardistischen Ecke ihr Kunst-Reservat offen. Idealistischere Geister werden es wohl bloß Darstellung eines Ego-Trips nennen, in einer anderen Zeit sollten Welts Bücher jedoch nicht als Roman, sondern als Demokratiefibel veröffentlicht werden – als Alltagsbericht im mehrfachem Sinne, als Bericht eines Unberufenen, der nicht einmal Anstrengungen unternimmt, sich hochzuschreiben.

Im Gegenteil, meist unternimmt er einige Anstrengungen, sich herunterzuschreiben. Darin beweist er großen Stilwillen, darin kommt auch das Egozentrische schön zum Tragen. Nach moralistischer Tradition kann man dazu auch wieder den Verdacht hegen oder die Gewissheit pflegen, dass alles eitel ist, und im bescheidenen oder selbstquälerischen Rückzug zuverlässig den Hochmut entdecken.

Selbst aber wenn dies vollständig stimmen würde, besitzt es – gewollt oder ungewollt – demokratische Auswirkungen, falls der Berichterstatter wie im Falle Welts wegen seiner marginalen sozialen Stellung üblicherweise keine Aufmerksamkeit über den engsten Verwandten- und Bekanntenkreis bekäme. Die Fixierung auf das eigene Versagen, die eigene Deklassierung kann sogar so weit gehen, dass sie die eigene Person in den Mittelpunkt rückt, selbst bei gelegentlichen Begegnungen mit wesentlich Höherrangigen.

Ein gutes Beispiel sind dafür Welts Tage mit Motörhead. Als Journalist begleitet er ihre England-Tour, in  „Der Tick“ berichtet er darüber. Zum Starbericht, von dem aus auch etwas Glanz auf den Erzähler fällt, gerät Welt die Sache selbstverständlich nicht. Der Star dieser Show ist auf dem Papier niemand anderes als Welt. Natürlich als Antistar: Ohne den erwarteten Spesenvorschuss der Plattenfirma bleibt sein ganzes Interesse in England über die Tage darauf gerichtet, irgendwie an Essen heranzukommen.

Vor dem Konzert: „Abends nahm mich Laura im Taxi zur Newcastler City Hall mit, wo wir sofort mit unsern Access-Karten in die Garderobe durchmaschierten. Wieder stand ein großer Papierkorb mit Hunderten von Eiswürfeln und etlichen Dosen Bier in der Mitte. Auch einige Flaschen Wodka standen wieder rum. Ich hielt mich schadlos. Tatsächlich hatte auf dem großen Tisch in der Mitte ein Buffet gestanden. Es lagen aber nur noch vertrocknete Salatblätter an den Rändern der Platten. Ich griff gierig zu, damit ich überhaupt was außer Bier in den Magen bekam.“ (Der Tick, wiederveröffentlicht in: Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe, Ffm. 2006, S. 287)

Der Auftritt: „Für meine Story, die ich für den ME [Musik Express] nicht aus dem Blick verlieren durfte, wollte ich ein paar Besucher fragen, was sie an Motörhead so gut fanden. Eben die Härte. Ein junges Mädchen sagte, die Band sei mad. Na dann. Ich ging zurück in die Halle, mußte an neuralgischen Punkten meinen Ausweis zücken und sah mir dann das Konzert an. Auf den Schnickschnack, mit einem Korb von der Bühnendecke heruntergelassen zu werde, hatten sie diesmal verzichtet. Dann war das Konzert aus.“ (S. 288)

Der Tag darauf: „Am nächsten Morgen dasselbe in Grün. Ich traute mich nicht, in den Frühstücksraum zu gehen, weil ich Schiß hatte, die würden mir ein paar Pfund für Schinken und Ei abknöpfen. In der Lounge genehmigte ich mir dann wieder einen Kaffee.“ (S. 289) Später: „[A]bends lief dieselbe Show. Ich gierte wieder nach den Salatblättern. Es war diesmal sogar noch ein Stück Pastete da.“ (S. 290)

Einen Tag weiter: „Am nächsten Morgen hatte ich nach der Tasse Kaffee noch knapp ein Pfund und zwei Fünfmarkstücke, die ich für die Fahrt vom Düsseldorfer Flughafen nach Bochum brauchte. Die würde mir sowieso keine Bank umtauschen.“ (S. 291) Offenkundig gibt es auch eine Artistik des nüchtern, aber beharrlich Kläglichen – für gewisse Spielarten des forciert Unglamourösen haben nicht nur katholische Orden, sondern auch einige Pop-Sekten Platz.

 

[weitere Hinweise zu dem Sammelband, in dem große Teile dieses Aufsatzes erschienen sind, hier]

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