Aug 052013
 

Am 16. Oktober 1968 erschien Jimi Hendrix’ »Electric Ladyland« in den USA und erreichte kurz darauf Platz 1 der US-Billboard-Charts. Leitmotiv des Albums ist die, nur in Hendrix’ monumentaler Coverversion von Dylans »All along the watchtower« offen ausgesprochene, Frage: Wie kommt man hier raus? Von nichts anderem sprechen der Narr und der Dieb: »›There must be some way outta here‹, said the joker to the thief…«.

Die von Hendrix mit dem musikalischen Überbau ausgestattete ästhetische Flucht- und Suchbewegung lotete die Grenzen aus und fahndete nach Übergängen aus dem Grenzreich ins sagenumwobene Autonomia/Bohemia/Utopia/Schlaraffenland. Im Reisekoffer unter anderem: Stimulanzien und Substanzen (um die engen Pforten der – eigenen – Wahrnehmung aufzusprengen), gesellschaftliche Theorien und literarische Traditionen anarchistischer Provenienz (als Sprengsätze gegen die herrschende Klasse und ihre Machtstellung im politischen und ästhetischen Space), sexuelle Überschreitungen der herrschenden rigid bürgerlichen Moral (als Vorantasten in Sphären vermeintlicher persönlicher Freiheit und Unbeschwertheit im Privaten und Öffentlichen). Kurz: Pop, Porno, Politik.

Die aus Buchhalter und ›kreativem Zerstörer‹ zusammengesetzte schräge Hybridgestalt Jörg Schröder langweilte sich derweil im »Melzerkabuff« in Darmstadt, wohin der Melzer-Verlag, dessen Cheflektor Schröder war, in diesen Jahren aus Düsseldorf umzog. Wie der ›zweite Vormärz‹ derweil  in der jungen Bundesrepublik aussah (und schmeckte)?

»Im Odenwald, in der Nähe von Darmstadt gab es eine Dorfkneipe, die bekannt war für hausgemachte Wurst. So etwas aß man damals, das war ›doll‹, der grausige Apfelwein und diese fette, hausgemachte Wurst. Rygulla fand das ›doll‹, es war für ihn der Ausdruck höchster Bewunderung, während ich das Schwammwort ›dumpf‹ inflationierte. Rückschauend betrachtet, ziemlich uncool diese Szene 1968. Wir zogen ein bisschen durch, aber es reichte nicht mal zum Kichern. In einer dumpfen Dorfkneipe im dumpfen Hessen saßen wir: Rygulla, Brinkmann und die Übersetzerin Katja Behrens. Plötzlich lag neben der Blutwurst das Wort  ›Acid‹  auf dem Tisch. Es gefiel weder Brinkmann noch Rygulla, denn sie wollten einen deutschen Titel. Da wir uns aber auf keinen einigen konnten, schlug ich vor: ›Wir nehmen Acid mal, bis wir einen besseren finden.‹ Die dumpfesten Arbeitstitel werden über die häufige Benutzung manchmal doll.« (S. 11)

Und es wurde noch ›doller‹. Nachdem Schröder den Melzer-Verlag kurz zuvor, durch die Herausgabe des pornografischen Romans »Die Geschichte der O« von Pauline Réage (Dominique Aury) und die sich damals bereits anbahnende Gründung eines deutschen Ablegers der damaligen Porno-Avantgarde-Belletristik-Größe Olympia Press vor dem sicheren Konkurs bewahrte (und so – unter anderem – die Herausgabe von Victor Klemperers »LTI« ermöglichte), zettelte er einen der großen Verlags-Umbrüche der Jahre 1968/69 an.

Während Klaus Wagenbach sich auf das Experiment ›Wagenbach-Kollektiv‹ (wichtige Lektorats-Entscheidungen mussten einstimmig getroffen werden und weitreichende Mitbestimmungsrechte der Mitarbeiter wurden realisiert), das er bald bereute, einließ und Siegfried Unseld eine ›Revolte‹ der Suhrkamp-Lektoren abwendete (die die Einrichtung einer ›Lektoratsversammlung‹ als zentrales Entscheidungsgremium forderten), übernahm Jörg Schröder kurzerhand in einem – im deutschen Literaturbetrieb wohl einmaligen – »Coup« anfänglicher »Hochstapelei« (Jörg Schröder/Ernst Herhaus, »Siegfried«, S. 182) Teile des Melzer-Verlags; kaperte Autoren, Scripte, Mitarbeiter, erklärte die Gründung des März-Verlags als Kollektiv (»Wir faselten von kollektiver Selbsthilfe«, ebd., S. 181«), zog mit ihm nach Frankfurt am Main um und etablierte März, wie Karl Heinz Bohrer 1972 rückblickend schrieb, als den »kulturrevolutionäre[n] Verlag […], weswegen ihn gewisse orthodoxe und bornierte Leute, deren Wahrnehmungsvermögen wie das von Blockwarten oder Stromablesern funktioniert, auch nie mochten« (S. 68).

Was in den 1970er Jahren begann und – mit meist durch finanzielle, rechtliche und/oder gesundheitliche Schwierigkeiten hervorgerufenen Unterbrechungen – bis 1987 andauerte (dies war das Jahr der Liquidierung des März-Verlags und der Übergabe der Materialien an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach), war nicht mehr und nicht weniger als ein Stück bundesrepublikanische Verlags- und Literaturgeschichte als ›Lebenskunst‹ eines (in jeder Hinsicht) Grenzgängers.

Aus Jörg Schröder wurde der »deutsche Porno-Macher« mit dem weißen Jaguar (»Der Spiegel«, 1971) und der personifizierte »Herr Bundesrepublik […] bundesrepublikanische Geschichte zur Ultraprägnanz einer grellen, exzentrischen, im Schock erkennbaren Gestalt gebracht« (Rainald Goetz, 1984). Ein »Großgeschäftemacher, Schuldenmacher, Firmenmacher, Pleitemacher, paraliterarischer Bewegungsmacher« (»Christ und Welt«, 1972), ein »solcher Typ, amoralisch und antimoralisch, menschenverachtend und zynisch, brutal und terroristisch«, der »den Kapitalismus […] als zynisches Spiel (und nur als Spiel) betreibt« (»Frankfurter Allgemeine Zeitung«, 1972) und auch ein Vorkämpfer für Meinungs- und Pressefreiheit, der Verfasser eines entlarvenden Enthüllungsbuches »Siegfried« über sich selbst und den deutschen Kulturbetrieb, das durch zahllose Unterlassungsklagen geadelt wurde.

Lebens- und Wirkungsgeschichte sind in Jörg Schröders Person demonstrativ verknüpft, und was er mit März schuf, zählt zur deutschen Avantgardeliteratur-Geschichte. Wer, so möchte man fragen, brachte die für die Entwicklung der deutschen Popliteratur konstitutive »Acid«-Anthologie heraus? Wer besorgte es, aus Bernward Vespers in alle Winde verstreuten Notizen »Die Reise« zu editieren? Wo konnten so unterschiedliche ›Literaturproduzenten‹ wie Günter Amendt, Peter O. Chotjewitz, Rolf-Dieter Brinkmann und Hermann Peter Piwitt ihre in Literatur transformierten ausgestreckten Mittelfinger gegenüber den Zumutungen der bürgerlichen Gesellschaft publizieren? Wer machte das deutsche Publikum erstmals mit Prosa und Lyrik von Ken Kesey, Michael McClure, Leslie A. Fiedler oder Leonhard Cohen bekannt? Wer besorgte die Rechte und übersetzte, verlegte schließlich die Klassiker undogmatischer linker Bewegungskultur von Augustine Souchy über Frantz Fanon bis Valerie Solanas?

Schröder war zur rechten historischen Sekunde »der einzige in der deutschen Verleger-Szene, der […] einfach alles veröffentlicht hat, was damals neu und aufsehenerregend war: also Werke der radikalen Linken ebenso wie verstiegenes Mysto-Zeug, Beatnik-Lyriker und Science-Fiction-New Wave, Sex und Aktionskunst ohne Ansehen konventioneller Kriterien von Qualität und ohne Zusammenhang« (Diedrich Diederichsen, 1984). Die reale Welt der Sinnproduktion hat der in Schröders Person eingeschriebenen März-Welt viel zu verdanken.

Der Imperativ der (ästhetischen) Avantgarden war und blieb die Verschmelzung der Pole Kunst und Leben. An der Aufhebung der Trennung dieser Bereiche arbeitet, instinktiv oder bewusst, Jörg Schröder. Andy Warhol forderte einst ›Business Art‹ als Kunstform, und nichts anderes formulierte Schröder, als er – Jahre vor den ersten kapitalistischen Drahtseilakten und Finanzblasen in diesen Sektoren –  in den frühen 1970er Jahren die Bismarc Media gründete und den Horkheimer-Freund und kritischen Theoretiker Ernst Herhaus zum Vorstand berief. Was war die Aufgabe dieser Agentur?

»Den Bann, lediglich Profit zu machen, sollte die Bismarc Media brechen. Was ich wollte war Business Art avant la lettre […] Aber selbst antikapitalistische Ideen brauchen im Kapitalismus Kapital […] Meine Idee war: Ich hänge einen Faden in die Medienursuppe, daran werden sich die Geldgeber wie Kristalle ansetzen. Wie es später in der IT-Blase ja tatsächlich funktionierte, als man für jeden Dotcom-Unsinn Geld bekam« (S. 49).

Tatsächlich logierte die Bismarc Media, konzeptionell ihrer Zeit voraus, in einer eigenen Etage kühl-futuristisch ausgestatteter Büroräume im Verlagsgebäude und produzierte – nichts. Es war ein monumentaler Fake, eine große Idee, ein Gleichnis. Das einzige ›Produkt‹ der Bismarc Media war schließlich Schröders Lebensbeichte, »Siegfried«, die Herhaus ihm im Krankenhaus abnahm.

Die Anekdoten, das Fragmentarische. Ist es möglich, anders als anekdotisch und fragmentarisch über Schröder und den März Verlag zu sprechen? Auch, aber nicht ganz. »Immer radikal, niemals konsequent« beginnt mit ebenjenen Anekdoten, die Schröder Barbara Kalender erzählt hat. Über 150 Seiten transkribiertes Kopfschütteln, Lachen, Staunen. Dem Germanisten Jan-Frederik Bandel, unter anderem Mitbegründer des Magazins »Kultur & Gespenster«, kommt das Verdienst zu, mit »Nach März oder eine Eine kleine März-Geschichte der Bundesrepublik« etwas geschaffen zu haben, das lange ausstand: Eine umfassende literaturhistorische Darstellung und Kontextualisierung des März-Schaffens und eine (kritische) Überprüfung des März-Erbes im Hinblick auf das links-alternative Milieu, das 1968 ff. diese Republik mitgeprägt hat. Beschlossen wird der Band mit der ersten vollständigen März-Bibliografie, einem Verzeichnis aller von März veröffentlichten und geplanten Bücher, die hier teils in ihren einprägsamen (geradezu klassischen!) gelb-rot-schwarz-fette-Block-Einbänden noch einmal zu sehen und bewundern sind.

Eine richtige und wichtige Veröffentlichung, die, so bleibt zu hoffen, den Kanon noch einmal erweitern und März zu der Anerkennung verhelfen wird, die ihm Zeit seines kurzen Verlagslebens verwehrt blieb. Aber ob diese Anerkennung gewünscht ist oder wünschenswert ist?

Schröder erzählt: Als 1968, Buchmesse Frankfurt, der Pop-Comic-Zeichner Alfred von Meysenbug, mit silbernem Glitzer-Zylinder auf dem Kopf, auf den Ullstein-Stand urinierte und dabei dreimal laut rief »Pinkelet auf Springer!«, da erschien Siegfried Unseld, im blauen Anzug und echauffierte sich: »Das ist ja unerhört!«.

»Eigentlich möchte man bei solchen Gelegenheiten im Boden versinken, hätte auch manchmal lieber einen blauen Anzug an und möchte sagen: Das ist ja unerhört! Die wirklich gute Performance ist eben die, bei der man, während sie passiert, am liebsten nicht dabei sein will. Sogar wenn man selber mitspielt, möchte man manchmal nicht mit dabei sein«.

 

Bibliografischer Nachweis:

Jan-Frederik Bandel, Barbara Kalender, Jörg Schröder
Immer radikal, niemals konsequent. Der März Verlag – erweitertes Verlegertum, postmoderne Literatur und Business Art
Hamburg 2011
Verlag Philo Fine Arts
ISBN 978-3-86572-665-0
332 Seiten

 

Sven Gringmuth ist Lehrkraft für besondere Aufgaben am Germanistischen Seminar der Universität Siegen.

 

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