Jul 212013
 

»What else is there, here, anywhere […]?« (Bogost 2012, 134)
»What is a thing […]?« (ebd., 11)

Fragen nach Dingen und Objekten sind disziplinenübergreifend prominent. Dies gilt in den letzten Jahren zumal für eine breite Wendung ›zu den Dingen‹ vorrangig durch die Impulse der Actor Network Theory (ANT) und ihrer Symmetrisierung menschlicher und nicht-menschlicher »agency« – von der Wissenschafts- und Technikforschung über Sozial-, Kultur- und Medien­wissenschaft bis zur Kunst und darüber hinaus.

»Making Things Public« lautete 2005 der Titel der hierfür einschlägigen Ausstellung im ZKM Karlsruhe: Mit der Frage nach der »res der res publica« sollte das Wort »thing« (der Herkunft nach: Zusammenkunft, Sache, Angelegenheit, Objekt), fern von einer »billigen Vorstellung von Objektivität«, wie Bruno Latour in der Einleitung schrieb, »wieder zum Leben« erweckt werden (Latour 2005, 29). So lenkte das Motto »Back to Things!« die Aufmerksamkeit u.a. auf Objekte der Wissenschaft, Supermärkte, Computernetze, die Börse oder den Laufsteg von Modeschauen.

Der Titel dieser Ausstellung mag einem nun auch beim Lesen des 166 Seiten schmalen Buchs »Alien Phenomenology, or What It’s Like to Be a Thing« von Ian Bogost wieder in den Sinn kommen, ebenso wie das Motto: Zurück zu den Dingen! Bogost, Medienwissenschaftler und Computerspielexperte am Georgia Institute of Technology, schließt allerdings mit seinem jüngsten Buch weniger an Latour an – und ebenso nur wenig an seine eigenen bekannten Arbeiten zur Computerspielforschung wie »Unit Operations: An Approach to Videogame Criticism« (2006) oder »How to Do Things With Videogames« (2011). Das Buch folgt vielmehr einer neueren, spekulativen Wendung ›zu den Dingen‹ und der Formulierung einer »objekt­orientierten Philosophie« Graham Harmans. Grundlage des Buchs ist, genauer, die Postulierung einer »object-oriented ontology« oder »OOO for short« (6).

Hierzu ist etwas auszuholen. Dies schon deshalb, weil Bogosts essayistisches Buch sich wenig mit theoretischen Grundlagen aufhalten noch eine Debatte der Metaphysik entfalten will, die mit Harmans Philosophie aufgerufen ist. Hinzuweisen ist daher an dieser Stelle auf Graham Harman, Philosoph an der American University in Kairo, der sein objektorientiertes Denken erstmals 2002 in »Tool Being: Heidegger and the Metaphysics of Objects« formuliert und als (weitreichende) Folgerung aus seiner Lektüre Heideggers abgeleitet hat. So wird Heideggers Analyse des »Zeugs«, beispielhaft: des Hammers, in »Tool Being« zum Ausgangspunkt einer auf Objekte und ihre Rela­tionen überhaupt ausgedehnten Phänomenologie. Harman, der diesen Ansatz u.a. in »Guerrilla Metaphysics. Phenomenology and the Carpentry of Things« (2005) fortgeführt hat, vertritt damit eine »human-centered philosophy« (ebd. 171) entgegengesetzte Objektmetaphysik im Sinne einer über den »human access« (23) hinaus auf Dinge erweiterten Philosophie.

Mit dieser Position gilt Harman in neuerer Zeit als ein Vertreter des »Speculative Realism« (nach dem Titel eines Workshops 2007) bzw. gegenwärtiger ›new metaphysics‹, die in unterschiedlicher Weise die »Idee« der »Korrelation« von »Denken und Sein« (Meillassoux 2008, 18), Ich und Welt in Frage stellen. Von der wachsenden Diskussion um dieses Spektrum spekulativer Philosophien zeugt jüngst auch ein deutscher Textband (»Realismus jetzt. Spekulative Philo­sophie und Meta­physik für das 21. Jahrhundert«, 2013). Darüber hinaus ist Harman in den letzten Jahren mit neueren Publikationen, u.a. zu Bruno Latour, hervorgetreten wie auch mit weiteren Aktivitäten, darunter die Begründung einer »object-oriented ontology (OOO)«.

Die Bezeichnung ist Ergebnis der Verbindung Harmans mit Levi Bryant (von dem sie stammt) und mit Ian Bogost, Einladender des ersten gemeinsamen OOO-Symposiums 2010 am Georgia Institute of Technology. (Ein bereits drittes – »OOOIII« – fand 2011 in New York statt). Objektorientierte Ontologie (OOO), so heißt es knapp auf der Webseite des Symposiums, und so nun auch erneut in Bogosts Buch, stelle »Dinge ins Zentrum«: Sie mache geltend, dass »nichts einen Sonderstatus hat, sondern gleichermaßen alles existiert – Klempner, Baumwolle, Bonobos, DVD-Player und Sandstein, zum Beispiel« – und lenke »die Aufmerksamkeit auf Dinge aller Grössenordnungen (von Atomen bis zu Alpacas […])« (6).

»OOO« (»call it ›triple O‹ for style’s sake«, ebd.) präsentiert sich im Ansatz Bogosts also, wie deutlich wird, nicht im Rahmen einer theoretischen Debatte spekulativer Metaphysik, sondern ist Grundlage eines Projekts, das diese über Theorie hinaus und in Praxis überführen möchte. So steht »Alien Phenomenology« für den Entwurf einer Art ›praxisorientierter objektorientierter Philosophie‹, wobei das Projekt zugleich einen Versuch darstellt, in mehrfacher Hinsicht geltende Unterscheidungen kollabieren zu lassen. Daraus resultiert ein Buch, das sich als eine wenig konventionelle Zusammenkunft liest, und es ist diese heterogene Zusammenkunft, in der Bogosts Projekt (und die ihm zugrundeliegende »OOO«) auffällt und, über die postulierte Dingontologie hinaus, Fragen aufwirft.

Bogost selbst kennzeichnet sein Projekt als eine vielleicht »angewandte« Form spekulativen Realismus. Diesen nämlich gälte es, »if we take speculativism seriously« (29), über erste Prinzi­pien hinauszudenken. Der Auffassung gemäß, dass sich Philosophen die »Hände schmutzig« machen müssen (mit »Schmierfett, Saft, Schießpulver und Gips«), zielt dies auf eine »alien pheno­menology« als eine »practise of metaphysics« philosophischen Handwerks und eines spekulativen »Mäanderns« im schlechterdings Fremden und Unbegreifbaren einer Welt der Dinge (34). Exemplarisch verweist Bogost hierzu auf den Computer und auf den »glücklichen« Umstand seines eigenen Zugangs zu einer Metaphysik der Dinge von Seiten digitaler Medientechnik. Denn Computer, »plastic and metal corpses with vodoo powers«, provozierten beispielhaft die Frage, wie sie jenseits des Bezugs zum Humanen als Ding oder Assemblage »on its own terms« zu verstehen seien (10) – und wie eine Phänomenologie der Dinge überhaupt. So fragt Bogost nach Relationen einer Dingwelt, die, auch wenn wir ihre »Ursache, Subjekt oder Nutznießer« sein mögen, ohne uns stattfindet: Wie begreifen wir die »grüne Pfefferschote« oder den »Mikrochip« als Dinge »left to themselves and […] interacting with others, us among them?« (29)

Theoretisch finden solche Fragen ihre Grundlage in der Metaphysik Harmans und dessen Vorstellung universaler »tool-beings« – »[that] withdraw from each other no less than […] from us« (Harman 2002, 127) –, die Bogost zu Beginn seines Buchs kursorisch rekapituliert. Ausgangs- wie Angelpunkt dieser knappen Bemerkungen ist der philosophische »event« (oder »Big Bang«, 5) des Spekulativen Realismus und dessen Abkehr vom ›humanzentrierten‹ »korrelationistischen« Denken – ein Denken, das Bogost beiden der wissenschaftlichen »zwei Kulturen« (C.P. Snow) zuschreibt (13). Dem gegenüber stellt Bogost eine »flat ontology« (Bryant) als nicht-hierarchisches Konzept einer Welt der Objekte und ihrer, nach Bogost, »promiskuitiven« Dichte: Ein Objekt ist zugleich eine »weird structure«, und alles, »anything whatsoever«, ist ein Objekt – »[a]nything is thing enough to party« (23f.). Dieses Konzept grenzt Bogost von solchen u.a. der ANT ab, so von denen des »networks« (Latour) und des »mess« (John Law): Ist ersteres aus seiner Sicht zu sehr auf Relationen fokussiert und »zu geordnet«, so letzteres »zu ungeordnet«; und woher zudem, so fragt Bogost, sei über diese (bzw.: wessen) Ordnung zu entscheiden? (21) Dagegen greift Bogost theoretisch auf sein andernorts entworfenes, aus Alain Badious mathematischer Ontologie abgeleitetes Modell der »Unit Operations« (2006) zurück: »Units« (die in Bogost Buch von 2006 medienanalytisch als konfigurative Einheiten begriffen sind) erscheinen damit, alternativ zu Ding- und Objektbegriffen, als Modell einer Welt, in der »units operate« (27).

Derartige Überflüge weitreichender Theorielandschaften empfehlen sich nicht als eingehende Darlegung und werden in Bogosts Buch auch nicht mit einem solchen Anspruch verbunden. Explizit distanziert sich Bogost von voluminösen Seinstheorien (»being is simple«, 21) wie auch von der »semiotischen Obsession« einer »übermäßigen Fixierung auf Argumente« oder von »Pedanterie« statt »Neugier« (91). So laden seine Ausführungen, die sich selbst eher als eine Art praxisorientiertes Operieren mit Theorieobjekten darstellen, wenig zu theoretischer Kritik ein, sondern zu einer Lektüre im Blick auf Bogosts Projekt einer »practise of metaphysics«. Hierzu beschreibt sein Buch drei Zugänge, »Ontography«, »Metaphorism« und »Carpentry«.

Die drei Bezeichnungen, die Bogost in teils veränderter Weise von Harman übernimmt, stehen alle für eine Zielsetzung, das »Fremde« der Dinge im Sinne dessen wahrzunehmen, was Bogost in einem letzten Kapitel als »wonder« umschreibt: »To wonder is to respect things as things in themselves« (131). Hierfür schlägt »Ontography« eine Praxis des Katalogisierens vor – etwa in Formen der Fotografie, in Listen wie im Werk Latours oder Aufzählungen wie bei Roland Barthes –, die Dinge in ihren diskonnektiven Beziehungen registriert, wofür Bogost vergleichend Explosionsbilder heranzieht – z.B. das technische Schema einer Fahrradgangschaltung. Weitere Beispiele sind (Computer-) Spiele wie etwa ein Wort-Karten-Spiel, die Bogost als »onto­graphische Maschinen« beschreibt. Sie erzeugen »Ontography« als eine Form »of exploding the innards of things – be they words, intersections, shopping malls, or creatures« (58).

»Metaphorism« dagegen bezieht sich als spekulative Praxis auf die Titelfrage des Buchs – »What It’s Like to Be a Thing«? Die Frage zitiert den Aufsatz Thomas Nagels »What it is like to be a bat?« (1974) und dessen Beispiel der uns gänzlich fremden Wahrnehmung der Fledermäuse: Die Fledermaus ist »fundamentally alien« (Nagel), und ebendies gilt, nach Bogost, für »everything else« (65). So begreift sich »metaphorism« als einzig mögliche Praxis einer »alien phenomenology« durch Analogie bzw. das Fragen danach, »what it‘s like to be« (72). Bogost verfolgt dies u.a. am Beispiel medientechnischer Objekte und ihrer Relationen, so im Blick auf Kameras und ihre Lichtsensoren. Theoretisch entspricht dem das Denken einer Objektrelation, in der unser Bezug »nicht erste Person ist«, sondern »always once removed« (67); dies mündet bei Bogost in einem Regress-Modell ›metaphoristischer seriegeschalteter Analogieketten‹ bzw. »Daisy Chains« (80).

Der dritte Vorschlag Bogosts zielt auf eine handwerkliche Praxis oder eine »carpentry […] built with philosophy in mind«, bezogen auf die Herstellung von Artefakten etwa als »Alien Probes« der Dingwelt (100). Bogost überträgt damit den – Alphonso Lingis entlehnten – Begriff Harmans einer »carpentry of things« in eine »carpentry« als »job description« (109). Eines seiner Beispiele ist eine eigene Software-Arbeit zu Ataris historischer Spielkonsole VCS (1977): Die Arbeit zum Television Interface Adapter (TIA) der Konsole verfremdet die übliche Bildschirmausgabe, um das Spezifische des TIA selbst ins Bild zu setzen. Eine zweite vorgestellte Arbeit von Instituts­kollegen Bogosts, »Tableau Machine«, ist eine Intervention in das Konzept eines sensortechnisch ausgestatteten ›intelligent‹ bzw. »Aware Home«: »Tableau Machine« verfremdet dieses, indem es den Bewohnern des Hauses die Daten der Sensoren als abstraktes Bild an der Wand präsentiert. Die Arbeit erzeugt somit, nach Bogost, eine »alien presence« statt eines »[human] task support« (106). »Carpentry«, in diesen Beispielen als Form technischer Manipulation, setze dabei »Theorie in Praxis« um wie auch »Praxis als Theorie« (111).

Offenkundig ist, dass diese Praxis »of metaphysics« in Bogosts Buch gesamthaft dem theore­tischen Fluchtpunkt der postulierten Abkehr vom ›Humanzentrierten‹ folgt. »Alien phenomeno­logy«, so zeigt auch das letzte Kapitel (an Gegenständen von Fernsehserien bis zur Wissenschaft), will einer Kultur spekulativer Praxis das Wort reden, mit der an die Stelle einer »human-centricity« und einer Instrumentalität der Dinge »wonder« über diese tritt (124). So sieht Bogost kulturkritisch in TV-Kultserien wie »The Wire« oder »Mad Men« Spiegel eines Appeals der »human experience«, dem er das »alien everyday« von Kochserien wie »Good Eats« entgegenhält: »wonder« etwa darüber, wie Butter »light and fluffy« wird, über Triebmittel, Kuchenteig und Fettkristalle (119). Damit plädiert Bogost nicht dafür, Kulturwissenschaft durch Chemie zu ersetzen oder durch STEM (»Science, Technology, Engineering, Mathematics«) – das Akronym ist das Äquivalent zum Deutschen MINT. Eher sei, nach John Maeda, STEM durch ein »A« für »Art« zu »STEAM« zu ergänzen (128), bzw.: Natur- wie Kulturwissenschaften fehle eine »posture […] of wonder« vor dem Fremden der alltäglichen Dinge (133).

»I am seduced« formuliert Bogost an einer Stelle (29) über den Spekulativen Realismus und seine Botschaft einer Abkehr – oder, nach Harman, Befreiung – vom ›humanzentrierten‹ Korrelationis­mus. Auf dieser Ebene der Theorie ist daher mit Bogosts Buch tatsächlich kaum eine Diskussion zu eröffnen. Naheliegender und anregend ist es dagegen, das Buch nicht als theoretischen Beitrag (oder als Verführung) zu einer Ontologie zu rezipieren, sondern es, dem Vorgehen Bogosts folgend, praxisorientiert und – spekulativ – als Praxis und als Spiegel zu lesen. Denn die ›angewandten‹ Beispiele des Buchs weisen in interessanter Weise über die Botschaft einer Harmanschen Metaphysik oder der Bogostschen Theorie hinaus.

So mag etwa Bogosts Kommentar zur Arbeit »Tableau Machine« befremden: Seine Kritik zumindest, die sensortechnisch ausgestattete ›intelligente Umgebung‹ eines »Aware Home« sei zu ›human-centered‹ anstelle einer Erfahrung »that turns us into the aliens« (107) erscheint so wenig nachvollziehbar. Für Bogost gilt diese Kritik, darüber hinaus, für die Arbeit »Tableau Machine« selbst: Denn (auch) deren Prizip einer Präsentation der Sensordaten als Bild an der Wohnungs­wand konzentriere sich auf »human-computer relations, not computer-computer relations – or house-computer relations, for that matter« worin, aus Bogosts Sicht, ihr (korrelationistischer) »Fehltritt« liegt (ebd.). Damit operiert Bogost theoretisch (und entgegen der Vorstellung einer ›flat ontology‹) mit einer Opposition von »human-«, »computer-« und »house-relations«, die am Beispiel des »Aware Home« gerade fehlschlägt, indem dieses als hybrides System Mensch, Computer und Haus untrennbar miteinander verbindet.

Bruce Sterling hat unlängst im Blick auf solche hybriden Systeme, hier bezogen auf das »Internet of Things«, die Frage gestellt, welche Art von »thing« diese Dinge seien? Der soziale Wandel erzeugt, nach Sterling, Lücken in der Sprache, weshalb Sterling die Bezeichnung »Spimes« kreiert hat, um ›vernetzte‹ Dinge zu kennzeichnen. Die jüngere Designbewegung der »New Aesthetic« wiederum hat, im Gegensatz zu Tendenzen einer Retro-Architektur, das Pervasive einer digitalen Objektwelt hervorgehoben. Der Vorstellung einer abgrenzbaren Welt der Dinge oder Objekte gegenüber steht hier etwa diejenige, dass – wie der Designer James Bridle in seinem Blog (2012) anführt – »[s]ome architects can look at a building and tell you which version of autodesk was used to create it«. Bogosts Beispiel des »Aware Home« verweist auf solche Hybridität und mithin auf die Frage: »what is a thing […]?« (11), die Bogost jedoch theoretisch nicht verfolgen will: »That things are is not a matter of debate« (30). So kontrastiert die angewandte Praxis des Buchs mit einem vorausgesetzten Dingbegriff und einer Rede von Schmierfett, Saft, Schießpulver und Gips, Fahrradschaltung und Kuchenteig, die nostalgisch und geradezu ironisch anmutet. Es gibt sie noch, so scheint Bogost sagen zu wollen, die alten Dinge. What else?

»Doch die Dinge, zu denen wir zurückgehen sollen«, so schreibt Latour (2005) in der Einleitung zu »Making Things Public«, »sehen seltsam aus« (ebd. 32); und dies spiegelt sich ebenso in Bogosts Buch. Teil dieser seltsamen Dinge sind in Bogosts Beispielen die digitalen Software-Objekte der Computerspiele oder der Bildschirmoberflächen. Zugleich bezeichnet Bogost die Praxis seines Buchs selbst als ein Art »object-oriented engineering to ontology’s physics« (29). »Object-oriented ontology« rückt damit in die Nähe von ›object-oriented software engineering‹, oder, wie Latour an einer von Bogost zitierten Stelle schreibt, den »wunderbaren Ausdruck ›objektorientierte Software‹« (23, Anm. 52), wobei Bogost auch diesen Bezug theoretisch aus­klammern will: Der Begriff des Objekts überhaupt führe im Kontext digitaler Medien eher zur »confusion« (23). Diese Konfusion benennt jedoch die zentrale mit Bogosts Buch aufgeworfene Frage nach einer Zusammenkunft und nach dem Verhältnis von digitaler Technik und einem Denken der Dinge oder Objekte: nach dem Verhältnis zwischen Dingen und dem Semiotischen der Software und (Programmier-) Sprache und nach dem Verhältnis zwischen objektorientierter Metaphysik und objektorientiertem Programmieren. So mag man aus »Alien Phenomenology« folgern, dass nicht nur die Dinge, sondern auch Theorien über sie seltsam aussehen; sie sehen, als »object-oriented ontology«, ein wenig aus wie »object-oriented (software) engineering«.

»Making Things Public«, der Titel der Ausstellung 2005, die nach der res der res publica fragte, trifft Bogosts Buch und die objektorientierte Wende ›zu den Dingen‹ in etwas anderer Weise, und auch in dieser Hinsicht wirft »Alien Phenomenology« Fragen auf. Bogosts zielt ganz wörtlich auf ein ›making public‹ im Gegensatz zur wissenschaftlichen Publikation als »professional endorse­ment« und auf ein Publizieren im Gegensatz zum akademischen Schreiben von Texten »not to be read but merely to have been written« (88). So benennt die Rede von »angewandter« Theorie auch ein Verbreiten über akademische Theoriedebatten hinaus, von der Bogosts Buch und seine Schreibweise ebenso zeugt wie die rege Internetdiskussion um OOO in Blogs und Social Media. OOO wurde als die vielleicht erste »born-digital philosophy« des Social Web bezeichnet – wie David M. Berry, bezeichnenderweise in einem Blogbeitrag (2012), schreibt – und hat sich vor allem online überaus rasch verbreitet. »In other words«, so kommentiert dies (2012 ebenfalls in seinem Blog) Levi Bryant, »there’s a sense in which, as McLuhan put it, ›the medium is the message‹«.

Dass eine »object-oriented ontology« ihr Medium auch auf digitalen Plattformen findet, mag folgerichtig erscheinen. Metaphysik-Diskussionen in Blogkommentaren (einschließlich der Frage, ob diese hierfür der richtige Ort seien) oder Ontologie-Postings auf Facebook sind gleichwohl ein ungewohntes Phänomen der Zusammenkunft von Social Media und akademischer Theorie. Im Sinne einer ›flat ontology‹ gilt hierbei für die OOO-Diskussion im Web wie in Bogosts Buch eine Egalität der Gegenstände; ist doch nach Harman das Sein der Dinge ganz »on equal footing«. So treibt Bogosts Thematisierung von Fahrradgangschaltung, Atari Spielkonsole, »Mad Men« und »Good Eats« beispielhaft auch jene von Bruno Latour bemerkte Ironie dessen auf die Spitze, dass sich heute eine Bedeutung des »Dings«, die sich auf Lektüren Heideggers beruft, unterschiedslos ausdehnt »auf das, was Heidegger und seine Nachfolger inbrünstig haßten, nämlich Wissenschaft, Technik, Handel, Industrie und Populärkultur« (Latour 2005, 33).

 Literatur

Graham Harman: Tool Being: Heidegger and the Meta­physics of Objects. Chicago 2002.

Ders.: Guerrilla Metaphysics. Phenomeno­logy and the Carpentry of Things. Chicago 2005.

Bruno Latour: Von der Realpolitik zur Dingpolitik oder Wie man Dinge öffentlich macht. Berlin 2005.

Quentin Meillassoux: Nach der Endlichkeit. Versuch über die Notwendigkeit der Kontingenz. Zürich u. Berlin 2008.

Blogbeiträge

David M. Berry: The New Bifurcation? Object-Oriented Ontology and Computation. Beitrag zum Blog »stunlaw«, 4.6.2012,(17.7.2013).

James Bridle: #sxaesthetic. Beitrag zum Blog »booktwo.org«, 15.3.2012, (17.7.2013).

Levi Bryant: The Materiality of SR/OOO: Why Has It Proliferated? Beitrag zum Blog »Larval Subjects«, 3.6.2012, (17.7.2013).

 

Bibliografischer Nachweis:
Ian Bogost
Alien Phenomenology, or What It’s Like to Be a Thing
Minneapolis u. London 2012
University of Minnesota Press
ISBN 978-0-8166-7897-6 (hc), 978-0-8166-7898-3 (pb)
166 Seiten

 

Wer den Artikel in einer wissenschaftlichen Arbeit zitieren möchte, verweise bitte auf die mit Seitenzahlen versehene PDF-Version:

MENU