Mai 072013
 

Falls keine westlichen Militärs oder Privatpersonen Opfer weiterer Anschläge werden, kehrt rasch Stille in den hiesigen Massenmedien ein. Das ist der erste Grund, weshalb man abseits der großen Öffentlichkeit die Ereignisse nicht ganz aus dem Auge verlieren sollte. Der zweite Grund: Mit solchen ›späten‹ Beiträgen entgeht man den Mechanismen der sogenannten ›Debatten‹. Wie in Teil 1 dieser kleinen Artikelserie dargelegt, bin ich skeptisch, ob es sinnvoll ist, sich immer in den jeweils auf die Tagesordnung gesetzten Fällen nach den Diskussionsvorgaben der politisch und massenmedial bestimmenden Institutionen für oder gegen eine Intervention zu entscheiden – denn dadurch entgeht einem zuverlässig der größere Zusammenhang, der die Interventionsbemühungen grundsätzlich fragwürdig erscheinen lässt (wieso zumindest mir das so vorkommt, habe ich in Teil 2 dieser Artikelserie zu erläutern versucht; um nicht missverstanden zu werden, sei noch hinzugefügt, dass ›grundsätzliche Fragwürdigkeit‹ nicht bedeutet, dass die Frage nach einer möglichen Intervention im Einzelfall stets negativ beantwortet werden muss).

Wie sah nun im besonderen Fall Libyens die Interventionsbegründung aus? In den Debatten wurde die Ansicht vertreten, um ein Blutbad an den Aufständischen in Bengasi nach dem Einnahme der Stadt durch Gaddafis Truppen zu verhindern, sei die militärische Intervention notwendig. Vereinzelte Interventionsgegner wiesen darauf hin, dass es sich um eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Libyens handele und der Diktator bislang keine Tötungen in großem Stil habe vornehmen lassen, eine mörderische Rache, die weite Teile der abgefallenen Städte und Regionen erfasse, also nicht zu erwarten sei. Diese Ansicht konnte sich nicht durchsetzen. In der UN-Resolution, die vor allem die gewaltsame Durchsetzung einer Flugverbotszone erlaubte, berief man sich auf die »legitimate demands of the Libyan people«. Das wichtigste ausgegebene Ziel lautete: »to protect civilians and civilian populated areas under threat of attack«. Zwischen bewaffneten Aufständischen und Zivilisten machte die Resolution keinen Unterschied. Besonders gemünzt war die Resolution auf die Stadt Bengasi, den Ausgangspunkt des gewaltsamen Aufstandes, der kurz vor seiner Niederschlagung stand.

Wie bekannt, nutzte hauptsächlich die NATO die Resolution dazu, das grausame Ghaddafi-Regime militärisch zu erledigen. Den Schutz der »Zivilbevölkerung« vor gewaltsamen Attacken sah man durch eine Entfesselung gewaltsamer Handlungen gewährleistet (auch außerhalb Bengasis). Militärisches Eingreifen der NATO am Boden war von der Resolution ausgeschlossen, wegen der militärischen und logistischen Schwäche der Aufständischen mussten die Flugangriffe der NATO und die Geheimdienstaktionen westlicher Mächte viele Monate in Anspruch nehmen, um die Rebellen zum Sieg zu führen.

Die ganze Operation stand im Mittelpunkt andauernden massenmedialen Interesses. Mit der Tötung Gaddafis erlosch es fast schlagartig. Spekulationen über die Art seines Todes bestimmten noch einige Tage die Schlagzeilen. Dass bis heute eine Aufklärung aussteht, ist aber danach nie mehr der Rede wert gewesen. Noch bezeichnender: Die Umstände, unter denen seine Gefolgsleute ums Leben kamen, erhielten kaum mediale Aufmerksamkeit, obwohl sie zum Teil äußerst spektakuläre Züge trugen und gut dokumentiert waren.

Immerhin hatte eine der führenden Nachrichtenagenturen, Reuters, gleich am 21.10.2011 das Ergebnis des Angriffs eines französischen Bombers (»French aircraft«) auf den Gaddafi-Autokonvoi nahe der Stadt Sirte vermeldet: »Inside some of the trucks still in their seats sat the charred skeletal remains of drivers and passengers killed instantly by the strike. Other bodies lay mutilated and contorted strewn across the grass. There were 95 bodies in all, many of them black Africans.« (»Gadaffi Caught like a ›Rat‹ in a Drain, Humiliated and Shot«)

Und bereits am 24.11.2011 erschien von Human Rights Watch ein ausführlicher Bericht über die Exekution von 53 Gaddafi-Mitstreitern (teilweise) aus Sirte: »All the bodies were in a similar stage of decomposition, suggesting they were killed at the same approximate time. Some of the bodies had their hands tied behind their backs with plastic ties. Others had bandages over serious wounds, suggesting they had been treated for other injuries prior to their deaths.« (»Libya«)

Am 30.11. legte dieselbe Organisation einen weiteren Bericht aus einer anderen Gegend vor: »Militias from the city of Misrata are terrorizing the displaced residents of the nearby town of Tawergha, accusing them of having committed atrocities with Gaddafi forces in Misrata, Human Rights Watch said today. The entire town of 30,000 people is abandoned – some of it ransacked and burned – and Misrata brigade commanders say the residents of Tawergha should never return. Human Rights Watch interviewed dozens of Tawerghans across the country, including 26 people in detention in and around Misrata and 35 displaced people staying in Tripoli, Heisha, and Hun. They gave credible accounts of some Misrata militias shooting unarmed Tawerghans, and of arbitrary arrests and beatings of Tawerghan detainees, in a few cases leading to death.« (»Libya: Militias Terrorizing Residents ›Loyalist‹ Town«)

Die Prognose, dass es nach dem Sieg der überlegenen militärischen Macht zu größeren, mörderischen Racheakten kommen werde, hat sich also erfüllt, wenn auch mit Hilfe der Kräfte, für die die UNO-Resolution als Schutz vorgesehen war.

Was folgt daraus? Nichts. Die Sache ist jetzt schon graue Geschichte. Am Jahrestag von Gaddafis Tod legte Human Rights Watch seinen ersten Bericht in ausführlicher Fassung erneut (mit leicht korrigierten Angaben der Todeszahlen) vor (»Death of a Dictator«), man spekulierte also schon auf jenes massenmediale Interesse, das sich nicht wie üblich mit dringenden aktuellen Ereignisse, sondern ab und zu mit Jubiläen verbindet.

Wie sich zeigte, zu Recht. In Deutschland druckte »Der Spiegel« (Nr. 43, 2012) den Bericht auszugsweise nach – unter dem Titel »Die Rache der Löwen« (im Original heißt er »Death of a Dictator. Bloody Vengeance in Sirte«). Wie bereits die deutsche Titelwahl klar macht, dient der Nachdruck lediglich der Befriedigung des Gewalt- und Sensationsbedürfnisses der geneigten Leserschaft. Jede Reflexion der Ereignisse unterbleibt, jede Auskunft über die Position der Kräfte im heutigen Libyen, die verantwortlich für die Geschehnisse sind, ohnehin. Der Krieg ist ja vorbei.


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