Mrz 192013
 

Scheinbar ein Buch zum Boulevardthema. Pädagogen instruieren ihre Schüler, Magazine appellieren an die Eltern unter ihren Lesern und Zuschauern, ihre Kinder zu warnen: Sei nicht zu offenherzig bei deinen Facebook-Einträgen, versende keine Nacktfotos von dir – das kann böse Folgen haben, rachsüchtige Exfreunde warten nur darauf, dich bloßzustellen, in zehn Jahren scheitert daran vielleicht deine Bewerbung, das Netz vergisst nichts. Natürlich werden all diese Geschichten auch und gerade publiziert, um entsprechende Fälle genüsslich auszubereiten, dem hoch besorgten Boulevardkonsumenten zum Vergnügen.

Das Buch der Tübinger Medienwissenschaftler Pörksen/Detel (ersterer auch im Beirat unserer Zeitschrift »Pop. Kultur und Kritik«) will von der öffentlichen Aufmerksamkeit fürs Thema zugleich profitieren und sie um eine vernünftige Analyse bereichern. Das Buch ziert eine alberne Grafik, die eine Bombe (zusammengesetzt aus Nullen und Einsen) zeigt, deren Zündschnur glimmt. Der Text hält dieses Versprechen auf Knalleffekte zum Glück nicht ein. Zwar präsentiert es auch einige bekannte schlüpfrige Anekdoten, wahrt aber einen Rest an Dezenz.

Die These, dass nicht nur wie zuvor Prominente, sondern jeder heutzutage zum Gegenstand voyeuristischer Handlungen und übler Nachrede – und das weit über die Nachbarschaft und den eigenen Verwandten- und Bekanntenkreis hinaus – werden kann, vertreten sie jedoch ohne Abstriche. Die Entgrenztheit dieser Feststellung hat die Gestalterin des Covers wohl zu ihrem Bomben-Bild geführt.

Was aber für sich genommen unstrittig ist – dass die Archivkapazität des Internets und die einfache, milliardenfache Zugänglichkeit der Webeinträge die Möglichkeit potenziert, im Guten wie im Schlechten Objekt großer Anteilnahme zu werden –, bedeutet noch lange nicht, dass es geschieht. Da es eine riesige Zahl an Internetpostings gibt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie von mehr als den engsten Bekannten der Absender wahrgenommen werden, äußerst gering.

Ob der (meist missgünstige) Klatsch durch das Netz über den Umfang des zuvor üblichen Büro- und Nachbarschaftsgeredes erheblich hinauskommt, ist deshalb zu bezweifeln. Nicht zu bezweifeln ist, dass einzelne putzige Begebenheiten oder peinliche Ereignisse durch das worldwideweb eine zuvor ungeahnte Reichweite selbst über kontinentale Grenzen hinweg erlangen. Da die betroffenen Helden des Alltags aber im Regelfall weder über Verbindungen in fernen Ländern verfügen noch die Absicht haben, ihre vorübergehende Prominenz dort zu kapitalisieren, bleibt für sie wiederum ihr üblicher Bekanntenkreis das Maß ihrer Dinge. Deshalb ist auch dieser Effekt kaum der Rede wert.

Pörksen/Detel sehen das wohl trotz ihrer einleitenden Seiten, die solche Alltagssensationen in den Mittelpunkt stellen, nicht vollkommen anders. Fast alle weiteren Kapitel ihres sehr gut geschriebenen Buches widmen sich nämlich Prominenten und politischen Fällen. Ihr Diktum, dass es »neue Opfer« von Skandalisierungen gebe – »bislang vollständig Unbekannte« – überzeugt in dem Zusammenhang nicht, denn in Boulevardmedien haben solche Nicht-Prominenten auch zuvor bereits eine wichtige Rolle gespielt, wenn es galt, Erfüllungen und vor allem Abweichungen von durchgesetzten oder zu etablierenden Normalitätsvorstellungen zu sanktionieren und am anschaulichen Beispiel zu bekräftigen.

Das ist aber schon der einzige Kritikpunkt: Überzeugend und klar arbeiten Pörksen/Detel  jeweils heraus, wie sich die Berichterstattung von Fernsehen und Printmedien durch die neuen ›Vortester‹ und ›Anheizer‹ aus der Blogsphäre und den sozialen Netzwerken graduell verändert: Auslöser von Skandalen können nun auch – unabhängig von journalistischen ›Gatekeepern‹ – einzelne Internetuser sein, wenn deren Botschaft oder Fundstück von anderen Nutzern massenhaft verbreitet wird.

Für die Prominenten, Firmen und politischen Institutionen wiederum bedeutet die »breite Streuung der Daten, ihre leichte Verfügbarkeit, die womöglich globale Verbreitung, die Permanenz ihrer Präsenz, die rasche Durchsuchbarkeit und leichte Rekombinierbarkeit, die schwierige Identifikation der Verursacher und Auslöser«, dass die »üblichen Formen des Skandalmanagements (Zensur- und Einschüchterungsversuche durch aggressive Medienanwälte, Gegendarstellungen, Korrekturen etc.)« nicht mehr recht greifen (S. 25).

Andererseits besitzt der übliche »Skandal« bzw. die öffentliche Erregung (gegenwärtig) eine Halbwertzeit von höchstens zwei Monaten, wie Pörksen/Detel zu Recht bilanzieren. Diese Zeit reicht natürlich mehr als aus, damit ein Bundespräsident die Nerven verliert (Köhler) oder ein Minister zum Rücktritt bewegt wird (Guttenberg), nicht aber dazu, politisch-militärische Doktrinen und Institutionen zu erschüttern, wie man leicht an den ebenfalls im Buch dargelegten Beispielen der Veröffentlichung der Bilder aus Abu Ghraib und des über WikiLeaks verbreiteten »Collateral Murder«-Videos sehen kann.

 

 

Bibliografischer Nachweis:
Bernhard Pörksen/Hanne Detel
Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter
Köln 2012
Halem Verlag
ISBN: 978-3-86962-058-9
247 Seiten

 

Wer den Artikel in einer wissenschaftlichen Arbeit zitieren möchte, verweise bitte auf die mit Seitenzahlen versehene PDF-Version:

MENU