Mrz 102013
 

Was war nochmal mit Libyen? Wenn man sich nur an die Massenmedien hält – und woher sonst bekommen 99,9% der Deutschen ihre Informationen über ferne Länder –, gibt es das Land nicht mehr. Ein wenig erstaunlich ist das schon, immerhin war es über viele Wochen ein weit vorne platziertes Thema von »FAZ« über »Bild« bis »Spiegel« und dominierte die Berichterstattung in Tagesschau und Heute Journal.

Auch zuvor gab es zumindest ab und zu Artikel über Libyen zu lesen, es reichte zuletzt schon aus, dass Gaddafi sich auffälliger anzog als andere Staatschefs, um dem Land etwas Aufmerksamkeit zu sichern. Eine offensive Feindschaft wider USA und westliche Wirtschafts- und Militärbündnisse lobte Gaddafi im letzten Jahrzehnt nicht mehr aus, Subjekt der aufmerksamkeitsheischenden Berichterstattung über Terrorismus konnte er deshalb nicht mehr in dem früher üblichen Maße sein.

Nicht einmal als er dazu aufrief, die Schweiz, die es gewagt hatte, einen seiner Söhne vorübergehend der körperlichen Gewalt (gegen Domestiken) anzuklagen, im Dschihad zu bekämpfen, kam es zu nennenswerten westlichen Reaktionen. Zugang zu Libyens Ölvorkommen und vor allem wohl die erfolgreiche Einbindung des nordafrikanischen Mittelmeeranrainers in die ausgeweitete europäische Grenzsicherung standen dagegen.

Höhepunkt westlicher Humanität: Die US-Amerikaner, die noch Mitte der 1980er Jahre unter Präsident Ronald Reagan Gaddafi nicht durch eine anonyme Geheimdienstaktion, sondern vor aller Augen töten wollten (dem Luftangriff auf seine Residenz konnte Gaddafi knapp entkommen), überstellten in den 2000er Jahren Islamisten, die sie des Terrors verdächtigten, nach Libyen. Dort konnte man schließlich auf eine längere Erfahrung mit Foltermethoden zurückblicken als bei der CIA.

Man muss sich solche Tatsachen stets vergegenwärtigen, um nicht aus den Augen zu verlieren, dass Interventionen des Westens keineswegs allein von humanitären Überlegungen bestimmt sind – oder vom dringenden Wunsch, demokratische Verhältnisse notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Entscheidender ist der Anspruch, überall auf der Welt zuständig zu sein – grundlegend ist die Methode, die Verhältnisse dort auf hiesige Interessen, Befugnisse und Werte zu beziehen; und dies wohlgemerkt nicht bloß in Fällen, in denen es gilt, Völkermord zu verhindern, sondern in schlichtweg allen Fällen.

Deshalb können die Begründungen für militärische Handlungen mitunter vollkommen imaginär sein (etwa dass es gelte, am Hindukusch unsere Freiheit oder unsere wirtschaftlichen Interessen zu verteidigen). Deshalb können auch grundsätzlich plausiblere Begründungen mal zu Interventionen führen, mal zu beinahe gegenteiligen Bemühungen (etwa im Falle des autoritär-islamistischen Saudi-Arabien, das sich vielfältiger westlicher Unterstützung bis hin zu umfangreichen Waffenlieferungen erfreuen darf) – dies hängt im Einzelfall von vielfältigen anderen Faktoren ab.

Beinahe konsequent ausgeblendet wird das in jener medialen Berichterstattung, die sich an größere Teile der Bevölkerung wendet. Sobald von Kräften der nationalen Regierung oder innerhalb des westlichen Militärbündnisses Vorkommnisse in einem anderen Land als interventionsträchtig auf die Tagesordnung gesetzt werden, konzentriert man sich in den Redaktionen darauf zu ergründen, ob die anstehende Intervention geboten ist – nicht auf eine Betrachtung des Zusammenhangs, in dem solche Absichten politisch vorgebracht werden.

Publiziert werden müssen demnach nicht zwanghaft immer nur Gründe, die dafür sprechen. Die Konzentration auf den konkreten Fall bringt es aber beinahe zwangsläufig mit sich, dass überzeugende Gründe für das kriegerische Eingreifen gefunden werden. Bilder von Elend und Tod sind selbstverständlich schon Grund und Dokument genug. Im jeweiligen Einzelfall wird aber fälschlich stets so getan, als sei dies immer so. (Kein Gedanke daran, dass bereits mit einem Bruchteil des Kriegsbudgets Zehntausende vor dem Hungertod gerettet werden könnten.)

Zudem ist allgemeines Freiheitspathos auch Antrieb genug, um allerorten Ansätze für tiefgreifende mögliche Veränderungen auszumachen. Trotz der Erfahrungen des Irak-Krieges konnte man in den letzten Jahren den Eindruck gewinnen, dass nicht bloß naive Rockzeitschriften an ihren eigenen Demokratieidealismus (siehe dazu Teil 1 dieser Artikelserie) tatsächlich glauben. Nicht nur im »Rolling Stone« usf., sondern auch in führenden Tageszeitungen wurden z.B. mehr Artikel über freiheitsliebende arabische Blogger, Heavy-Metal-Musiker und Rapper veröffentlicht als über die Fraktionen in der jeweiligen Machtelite des Landes, die Zusammensetzung des Militärs etc.

Umso bemerkenswerter, dass häufig nicht einmal das offizielle politische und das massenmediale Kernargument – die Repression und das Morden unter dem stürzenswerten Regime – nach dem erfolgten Umsturz noch eine Rolle spielt. Wie groß die Zahl der Toten bei diesem Umsturz war, ob es irgendwie angemessen war, diesen neuen Schrecken hervorzurufen, das ist dann oftmals keine Debatte mehr wert. Die Zahl der Artikel geht schlagartig zurück, evtl. wird einige Zeit später auf einer hinteren Seite in einer kleinen Spalte die nun amtlich festgestellte Zahl der Verwundeten und Toten vermeldet.

Dazu – mit Blick auf den speziellen Fall Libyen – mehr im dritten Teil dieser Artikelserie.

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