Mrz 032013
 

Unsere Hinweise auf Netz-Artikel richten sich in diesem Monat auf anerkannte Feuilletons (FAZ, Guardian, The New York Review of Books).

Ab und zu lohnt es vielleicht, die Rockabilly-Videos auf YouTube auszuschalten und nachzuschauen, was sich so im Feuilleton tut. Ein Trend ist mir bei meinen Stippvisiten in den letzten Monaten aufgefallen, ach was, hat sich mir mit aller Penetranz aufgedrängt. Was in den Jahrzehnten zuvor eine ehrwürdige Vokabel bei Erdkundelehrern und Systemtheoretikern war, um einem zu bedeuten, dass man sich seine Ideen von einer Planwirtschaft abschminken sollte, ist nun zum Schlagwort aller Quality-TV-Anhäger avanciert: Komplexität. Liberale, Technokraten und ihre feinsinnigen Feinde aus der Sphäre der Hochkultur endlich alle vereint: komplex muss es sein. Beleg 378, in einem Artikel der FAZ zum Start von »Dallas« auf RTL: »Nun ist es aber so, dass wir inzwischen das Jahr 2013 haben, in dem es Serien wie ›Homeland‹ gibt. Wir wissen daher, dass gerade Fernsehserien genug Raum für die Darstellung komplexer Charaktere bieten.« (Johanna Adorján, »Intrigen am Dienstag«).

Häufig gelesen habe ich in letzter Zeit auch von den misslichen Wirkungen des Internets auf das Popmusikhören in seiner Ganzheitlichkeit und Werkbeflissenheit. Aus einer sonst lesenswerten Geschichte zu Napster im »Guardian«: »My approach had always been more of a woozy supermarket sweep, and it meant I’d built up a curious one-track miscellany. At an age by which I should have had a cataclysmic encounter with an album such as Blood on the Tracks, I’d sought out just one Dylan song, The Man in Me« (Tom Lamont, »Napster: the day the music was set free«). Blut, Schweiß und Tränen…

Organisch verbinden wir uns mit »The New York Review of Books«. Im vorzüglich geschriebenen Rezensionsessay zu Kerouac darf das Dylan-Zitat natürlich nicht fehlen: »›It changed my life like it changed everyone else’s,‹ said Bob Dylan of On the Road.« So eine Angabe ist selbstverständlich nicht kommerziell, frohgemut darf es deshalb zur folgenden Einschätzung gehen: »Ironically, the ›poisonous glorification of the adolescent in American popular culture‹ that so obsessed Norman Podhoretz in his essay didn’t lead to murder, as he feared and seemingly half-hoped, but to commerce. And in that sense both he and the Beats are losers.« (Andrew O’Hagan, »Jack Kerouac: Crossing the Line«)

Zum Schluss Feuilleton in seiner affirmativen Version: »Manhattan war einmal die Heimat des Cool mit seinen Punkrockkellern und seiner rohen Do-it-yourself-Haltung, aber die Szene, und mit ihr das Versprechen der wilden Großstadt, ist seit langem schon über den East River nach Brooklyn abgewandert. Die Straßen in Kleinstädten wie Hudson und Beacon sehen aus wie die Kulisse eines Sciencefictionfilms, in dem gebildete Menschen mit Kurzirokesenfrisuren und Tätowierungen in idyllischen alten Eisläden und Friseursalons herumhängen.« Das war wieder aus der FAZ (Ralph Martin, »Vergesst die Großstadt«). So komplex können »Homeland«-Zuschauer sein!

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