Jan 042013
 

In monatlichen Abständen stellen wir an dieser Stelle interessante Artikel der letzten Zeit vor, die im Internet frei zugänglich sind. Diesmal sind es Artikel von Mario Vargas Llosa zur Massenkultur, von Roger Scruton zur »culture of fakes« und von Jed Perl zum ›Warhol-Fluch‹.

In den letzten Wochen gab es eine ganze Reihe von Artikeln konservativer Autoren zur Popkultur. Erstaunlicherweise trifft man auf sie zumeist nicht mehr im alten Europa. In Deutschland wird das Genre kaum noch bedient; die tonangebende deutsche Intellektuellenszene hat sich von ihm augenscheinlich verabschiedet. So viel Gründlichkeit und Opportunismus muss nun auch nicht wieder sein. Vielleicht bietet die (Re-)Lektüre der bildungsbürgerlichen Argumente einige Anregungen. Immerhin beachtlich ist bei ihnen, dass sie nicht gegen Pappkameraden wie Dieter Bohlen leichte Siege erzielen, sondern sich gegen inzwischen hoch respektable Künstler richten:

Der Engländer Roger Scruton tritt im »Aeon Magazine« gegen Warhol, Damien Hirst und Philip Glass an. Die heutige Maxime des Kunstbetriebs laute: »The worst thing is to be unwittingly guilty of producing kitsch; far better to produce kitsch deliberately, for then it is not kitsch at all but a kind of sophisticated parody.« Scruton hält die Zitierung und Ironisierung aber für eine genauso schlimme Form des Kitsches. Mal wieder interessant zu sehen, wie stark hier die konservativen mit den ihnen sonst feindlich gesonnenen links-antikapitalistischen Urteilen übereinstimmen: »Public galleries and big collections fill with the pre-digested clutter of modern life. Such art eschews subtlety, allusion and implication, and in place of imagined ideals in gilded frames it offers real junk in quotation marks. It is indistinguishable in the end from advertising — with the sole qualification that it has no product to sell except itself.« (»The Great Swindle«)

Jed Perl befürchtet im amerikanischen »New Republic« gleichermaßen, dass die »new high-plus-pop synergy« sich durchgesetzt habe, wie man am heutigen Ruhm Warhols sehen müsse. »The argument is that we are all soulless in the Warhol way, all victims of cultural anesthesia. And if you question these assumptions or attempt to change the conversation, you will be told that you have done nothing of the kind. If we are all Warholians, then even our distaste for Warhol is a Warholian act. The attitude suggests a certain philosophic finality, which explains why so many intellectuals are fascinated by the phenomenon.« (»The Curse of Warholism«)

In einem Gespräch, übermittelt von »Eurozine«, streitet auch Perus Nobelpreisträger Vargas-Llosa dagegen, obwohl er ebenfalls meint, bereits verloren zu haben: »The freedom the visual arts have acquired consists in the fact that everything can be art and that nothing is; that all art can be beautiful or ugly, but there is no way of distinguishing the two.« Wie auch Scruton leidet er unter der Kultur, die jener Kapitalismus hervorgebracht hat, den sie über Jahrzehnte gegen die Linken verteidigt haben: »Modern industrial society, market society, the society of advanced countries has improved the living conditions of individual human beings enormously. But in no way has it brought the happiness that people seek as their ultimate destiny. What is lacking is precisely what goes by the name of a ›rich spiritual life‹.« (»›Proust Is Important for Everyone‹«)

Wenn man bedenkt, dass Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg Ministerpräsident werden konnte, müsste doch in Deutschland ein konservativer Bildungsbürger wider den kapitalistischen, konsumistischen Avant-Pop bzw. die »new high-plus-pop synergy« mit mehr begründetem Optimismus an die kritische Sache herangehen. Aber wahrscheinlich gibt es hier gar keine Konservativen im Kulturbereich mehr. Deutschland – inzwischen der postmodernste, westlichste Staat?

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