Dez 152012
 

Die Ideologie der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa kann  mit einem Wort bezeichnet werden: Fortschritt. Erst mit dem Ende der liberalen Ära und einer großen Wirtschaftskrise endet in Deutschland dieser verbreitete Fortschrittsglaube, verliert der Gedanke der Aufklärung an Attraktivität. Eine gewisse ›Hybridität‹ zwischen gebrochenem Fortschrittsglauben und radikalem Zweifel setzt sich auf intellektuellem Felde durch – ihr Stichwortgeber wird Friedrich Nietzsche.

Die Diskrepanz zwischen den Erwartungen an den Fortschritt einerseits und den ernüchternden Erfahrungen mit dem Fortschritt andererseits formuliert Nietzsche in einer umfassenden Kulturkritik. Er überführt die neue ›Mentalität der Enttäuschung‹ in Begriff und System. Maßstab seiner Kritik ist dabei die gesamte bürgerlich-liberale Welt. Der ›Philosoph mit dem Hammer‹ verwirft die Ideen von Aufklärung und Klassik, Romantik und politischer Reaktion, Demokratie, Liberalismus und Sozialismus gleichermaßen. Der rückwärtsgewandten Utopie einer vermeintlich heilen Welt organischer Sozialformen erteilt er ebenso eine Absage wie Humanismus-Kanon, Menschheitspathos und Fortschrittsoptimismus. In the mix: Die Wirklichkeit ist  »kulturell präpariert«, »Wahrheiten sind Illusionen«, die Zivilisation lediglich eine »Zähmung des Menschen«, welche »die Krankhaftigkeit im bisherigen Typus« ausdrückt. Fazit: »Alles Fiktionen, die unbrauchbar sind«.

Die Leitbegriffe der Aufklärung – Ratio, Wissenschaft, Geist, der Begriff des Subjekts – werden in diesem Säurebad radikaler Kritik zersetzt. Für Nietzsche ist Logik lediglich der Versuch, »nach einem von uns gesetzten Seins-Schema die wirkliche Welt zu begreifen, richtiger: uns formulierbar, berechenbar zu machen…«. Doch was geschieht, wenn die Begrifflichkeiten und Kategorien nicht mehr taugen, wenn Aufklärung und der Glaube an Gott ein hohler Mummenschanz waren? Das Ich verliert seinen Status als Subjekt, wird zum Objekt seiner Ängste – unkontrolliert und unkontrollierbar. Universale Bedrohung, erspürte Deformationspotenziale des Kapitalismus, drohende Totalentfremdung, Existenzangst, Qual, Orientierungslosigkeit, Ich-Dissoziation traumhaft-surreale Sequenzen. All dies: Massenhaft verbildlicht, verschriftlicht, medialisiert – in der Kunst der Moderne.

Das geschaffene Vakuum kann kaum gefüllt werden, wenn die Geschichte ziellos, labyrinthisch verläuft, wenn es keine Vernunft im Bestehenden gibt und keinen geschichtsphilosophischen Trost. Der nietzscheanische Nihilismus kennt keine ›Naturabsicht‹ (Kant), keinen ›Weltplan‹ (Fichte), keine ›List der Vernunft‹ (Hegel). Er ist ein Affront gegenüber jeder Fortschrittsideologie und Utopie. Auch das Elend wird affirmiert, die Grausamkeit zum Wesen der Kultur erklärt, die Moral verdächtig. Begriffe wie ›Moralinsäure‹ und ›Moralpredigt‹ häufen sich in der Textproduktion Nietzsches. Seine ›Entzauberung der Moderne‹ (Georg Bollenbeck) wird zum Motor der folgenden gegenkulturellen Suchbewegungen.

Dies ist die Situation der Generation 1913: Der industrielle ›takeoff‹ hat in Deutschland verspätet, dafür jedoch mit aller Macht eingesetzt. Der soziale Wandel von einer agrarisch-geprägten Feudal- zur konkurrenzfähigen Industriegesellschaft im bereits dreiviertel-globalisierten Kapitalismus vollzog sich erosionsartig. Gesellschaftlicher, technischer, medizinischer, ökonomischer, politischer, kultureller demografischer und ein Wandel der Werte gingen Hand in Hand. Hineingeworfen in diese ›Welt der Überfülle‹ (Kurt Pinthus) mit ihrem drohenden Vernichtungspotenzial. Eine wichtige Antwort: Zerfall des Wahrnehmungssubjekts, Zerfall des Ichs. Die »transzendentale Obdachlosigkeit« (Georg Lukács) scheint vollkommen, ein organisches Sozialsystem kann nicht mehr hergestellt werden. Alle Subjekte agieren in einer Welt der Verdinglichung und Entfremdung. Der Soziologe Georg Simmel beschreibt den Prozess der Urbanisierung als  »Überwuchern der objektiven Kultur»; als Kampf, in dem der Einzelne einer »gewaltigen Organisation von Dingen und Mächten« gegenübersteht – und letztlich scheitert.

Die Dissoziation des Subjekts als »eine der elementaren Sozialisierungsformen» der Moderne (Simmel), Identitätskrisen, die sich aus den Verlustängsten des vom sozialen Abstieg bedrohten Klein- und Großbürgertums speisen, das Gefühl, in einer Endphase der Geschichte zu leben. Reduzierung des Subjekts also – Reduzierung auf seine Fleischlichkeit, Verfallssymptome, die Seele auf den Müllhaufen der Geschichte (»Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch«). Umwertung aller Werte und erkenntnistheoretische Bodenlosigkeit (Hilferuf von Georg Trakl an Ludwig von Ficker; 1913 abgesandt: »Es ist ein namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht. O, mein Gott, welch ein Gericht ist über mich hereingebrochen… Sagen Sie mir, dass ich nicht irre bin. Es ist steinernes Dunkel hereingebrochen…«).

Um all dies geht es in Florian Illies neuestem Roman »1913 – Der Sommer des Jahrhunderts« nicht. Worum aber geht es dann? Es geht um künstlerbiografische Anekdoten, (vermeintliche) historische Treppenwitze und ›What-if‹-Spielereien. Illies scheut (bewusst oder unbewusst) den großen Entwurf, er scheut die Darstellung geschichtlicher Prozesse und Triebkräfte, ökonomischer Entwicklung und kultureller Komplexe ebenso wie ideengeschichtliche Herleitungen. Die zusammengestellten Szenen und Sequenzen aus dem Krisenjahr 1913 weisen letztlich immer nur auf die Akteure selbst zurück.

»In Prag leidet Kafka» (S.50) an seiner seltsamen Liebe zu Felice Bauer, »Picasso war schwer krank« (S. 178), aber Henri Matisse brachte Blumen vorbei, Georg Trakl »säuft wieder, rast herum, schreit wie ein Kind, liebt seine Schwester« (S. 84), Oskar Kokoschka bestellt »das Aufgebot für seine Heirat mit Alma Mahler«, die dann aber doch an der gewitzten Frau scheitert, die lieber wissen möchte, »welche Chancen sie noch hat bei Walter Gropius, dem ernsten, strengen Geliebten von einst« (S. 188). Und, ach ja, »Rainer Maria Rilke hat Schnupfen« (S. 85).

312 Seiten. Was findet man darin, in dieser Mischung aus Befindlichkeiten und Anekdoten im ›Happy-go-lucky‹-Stil verfasst? In erster Linie findet man darin das Weltbild des Kleinbürgertums. Ulf Poschardt schrieb 2008 in »Vanitiy Fair«, Deutschland habe das »kleinbürgerlich Egalitäre […] nach Ausbürgerung seiner Moderne nach 1933 zur Staatsräson erklärt«. Darüber hinaus offenbar zur universell ausweitbaren Geschichtsphilosophie im Romanformat. Die Welt (einmal mehr) als Ergebnis des Wirkens ›großer Männer‹ (selten Frauen) und historische Prozesse zu persönlichen Animositäten und ›Weh-Wehchen‹ geschrumpft. Ganz wie der Kleinbürger sich und die Welt sieht.

So begegnen sich on top der bettelarme Männerwohnheimsinsasse Adolf Hitler und der bettelarme politische Flüchtling Josef Stalin – vielleicht (!) – im Januar 1913 einmal im Wiener Park von Schönbrunn, und »sie waren sich also nie näher als an einem dieser bitterkalten  Januarnachmittage« (S.27). Doch was bedeutet das? Haben Sie sich vielleicht schief angeschaut? Hat der eine dem anderen ein Bein gestellt? Auf einer ähnlichen Ebene wird die Begegnung zwischen Bucharin, Trotzki und Stalin geschildert: Bucharin kann, »anders als Stalin, bei dem Kindermädchen landen, was dieser ihm zeitlebens nicht verzeihen wird (und wofür Bucharin irgendwann einmal mit einer Kugel im Kopf bezahlen muss)« (S. 68), und Trotzki sieht sogleich »nicht den geringsten Anflug von Freundlichkeit in seinen [Stalins – S.G.] Augen« (ebd.) – ein Eispickel im Sinn, möchte man mitdenken. Es fällt schwer, bei dieser Art Lektüre nicht zu lachen oder mit dem Kopf zu schütteln.

Weltgeschichte als Schwank, Prozesse als spontane Eingebungen, (künstlerische, politische etc.) Positionsbestimmungen aus Sympathien und Antipathien abgeleitet. Wer keinen Begriff von Klasse und Bewusstsein hat, dem muss sich die Welt als Mummenschanz darstellen. Dieses Buch erfreut das Herz des Kleinbürgers, denn, wie es bei Franz Josef Degenhardt heißt, »der hasste und liebte [schon – S.G.] immer nur Personen, weil er alles persönlich nahm«.

 

Bibliografischer Nachweis:

Florian Illies

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts

Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2012

ISBN 978-3-10-036801-0

319 Seiten

 

Sven Gringmuth ist Lehrkraft für besondere Aufgaben am Germanistischen Seminar der Universität Siegen.

 

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