Nov 242012
 

In den letzten zehn Jahren hat es nach längerem Schweigen eine ganze Reihe von Büchern zum Hip-Thema gegeben. Ungewöhnlich hoch ist die Anzahl der darauf folgenden Artikel und Rezensionen besonders in den letzten zwei Jahren gewesen. Erstaunlich ist dieses Interesse am Thema allerdings nicht, (fast) jeder möchte natürlich selbst hip sein oder zumindest von der Aufmerksamkeit und Anerkennung, die der Hipness zukommt, profitieren – und sei es auf dem Wege, dass man dem Hipstertum eine Absage erteilt oder es für tot erklärt.

Angefangen hat das mit einer Reihe von amerikanischen Blogs zum Thema, deren Autorinnen und Autoren sich mehr oder minder amüsiert in vielen Lifestyle-Beobachtungen über das Hipster-Leben ausließen. Wahrscheinlich der erste kam vom Williamsburger Autor Brian Bernbaum, der unter dem Pseudonym Aimee Plumley vor gut zehn Jahren die Seite hipstersareannoying.com ins Netz stellte. Trotz der eindeutigen Domainbezeichnung hielten einige ihn selbst für einen Hipster. Oder vielleicht gerade deshalb. Denn, wie die Brooklyner Bloggerinnen Brenna N. Ehrlich und Andrea Bartz 2009 im allerersten Eintrag auf ihrer Seite stuffhipstershate.com schreiben, am stärksten verabscheut der Hipster: »Other Hipsters. To be a true hipster, one does not identify oneself as such. That is why you will often hear dudes in skintight jeans and chicks flashing calculator wrist watches muttering, ›Fucking hipsters,‹ as they sip at their PBRs [eine Biersorte] and glare at all the kids from NYU sporting red pants spewing off the L train onto Bedford Ave.« (16. Juli 2009; http://stuffhipstershate.tumblr.com/page/49)

Aimee Plumley alias Brian Bernbaum wollte dem einen Riegel vorschieben. So deutlich wie irgend möglich plädierte er gegen die »most uber-ironic self-hating hipster agenda that could ever be: that of the anti-hipster«. Seine gegen den Hipster gerichteten Bemerkungen machten ihn keineswegs selbst zum Hipster, so Bernbaums Hoffnung und Urteil. Tatsächlich muss er teilweise freigesprochen werden. Nicht nur, dass er dem Konsum abschwört, er tut dies auch auf offenkundig ehrliche, unzweideutige Art und Weise. Allerdings ist es nicht vollkommen selbstverständlich, dass Bernbaum Hipstertum und Konsumismus identifiziert. Bernbaum macht aus dieser halbwegs originellen Pointe gleich eine Waffe, indem er dem Hipster vorhält:

»How do you think anything becomes ›ironic‹ in the hipster sense? Because hipsters make it that way, it’s not that Atari is in-and-of-itself ironic, it’s because somebody thought that the marketing was cheesy and dated, so it became funny. But it’s not cheeky or ironic until somebody makes it that way, poises it. That’s the hipster frame and that’s your frame too, apparently. But it’s not mine. Hipster-ism (pardon the expression) as I think of it is based on consumption, based on becoming the ultimate savvy consumer, so savvy that you can buy things that everybody else thinks are stupid and old, but you, the maven hipster, see them a different way, in an IRONIC way« (15.10.2002).

Humorvoller, aber mit gleicher Stoßrichtung: Robert Lanhams auf Buchlänge gestreckte Satire »The Hipster Handbook« aus dem Jahr 2002. Im Gegensatz zum 2003 erschienenen Buch »A Field Guide to the Urban Hipster« von Josh Aiello (dt. Übersetzung 2004: »Hip. Das Bestimmungsbuch für den Szenegänger«, Heyne-Taschenbuch), in dem jede Jugendszene und Musikrichtung unbestimmter Dekaden besinnungslos aufgelistet wird, verpasst Lanham den neuen Trend nicht. Lanham ist Mitbegründer der Internetseite freewilliamsburg.com, wenn auch nicht den Ton, teilen er und Bernbaum zumindest den Wohnort und das Beobachtungsobjekt.

2003 wird auch die »New York Times« auf das Treiben im Brooklyner Viertel aufmerksam, mit Bernbaum und Lanham als Kronzeugen. Kaum, dass er es mit seiner Satire in die größeren Medien geschafft hat, sieht Lanham seinen Gegenstand – die »hip culture« – schon wieder im Niedergang begriffen:  »Marketers are constantly scouting Williamsburg, catching trends immediately«, zitiert ihn die »New York Times«, »you see the lead singer from the Rapture in a T-shirt, and next week it’s in Urban Outfitters. People are starting to realize that hipsters are just upper-middle-class kids in trucker hats and mesh T-shirts.«

Bernbaum wird sogar mit einem Blogeintrag in der »New York Times« verewigt, in dem er sich an weitaus schwierigeren Gegnern abarbeitet als Lanham mit seinem äußerst gängigen Kommerzialisierungs-Refrain (wer mag schon Marketingleute?). Bernbaum mag nicht nur die Werber und Pseudokünstler mit wohlhabenden Eltern keineswegs, er zeigt sich ebenfalls genervt vom Boheme-Kunstgeschmack: »I don’t have any of those little T-shirts that say things about Little League football teams from little nowhere American towns. . . . I don’t hang giant pictures of paint-by-number art on the fresh Sheetrock walls of the Williamsburg loft (that I don’t have) that my parents (don’t) rent for me. I don’t go to art school. . . . I don’t think Andy Warhol was brilliant, I don’t think the Velvet Underground were ›totally underrated‹.« (Vanessa Grigoriadis, The Edge of Hip: Vice, the Brand, in: »New York Times«, 28.9.2003)

Damit hat er sich deutlich erklärt, rätselhaft bleibt allerdings, weshalb er auf die Idee kommt, Hipster glaubten, Velvet Underground sei eine unterbewertete Gruppe, gibt es doch wohl mittlerweile kaum eine stärker kanonisierte Rockband. Gemäß der von den anderen Bloggern angesprochenen Neigung des Hipsters, sich von Gleichgesinnten zu distanzieren, müsste eine typische Hipster-Äußerung folglich darin bestehen, Velvet Underground als weitgehend überbewertet einzustufen.

Bernbaum scheint dies auch selbst zu wissen. An anderer Stelle, in einem Interview, das er Christian M. Chensvold 2005 für einen Artikel in der »Los Angeles Times« gegeben hat, merkt er, wiederum kritisch gegen den Hipster gerichtet, an: »›I felt people wouldn’t level with you, that they were giving you their resume of cool. You could never really get anything out of people that seemed like normal social interaction.‹ Conversations at clubs and parties became ›a one-upmanship of pop culture encyclopedias.‹« Diesen Kennern der Popgeschichte sollte wohl bewusst sein, dass Velvet Underground alles andere als »underrated« sind.

Chensvold interessieren solche Widersprüche nicht. Er nutzt die Äußerungen Bernbaums, um aus der Abneigung Bernbaums gegen jenen coolen Popkonsumenten und -geschmacksrichter, den er Hipster nennt, eine Zeitdiagnose zu verfertigen. Mit Jason Campbell, dem Herausgeber des »JC Report, a global fashion and lifestyle trend report«, erkennt er »›the downfall of the hipster.‹ Staying cool, says the fashion trend forecaster, ›has become a bit of a joke at this point. It’s a rat race that’s really difficult to keep up with, and a lot of people are bowing out.‹« Als weiteren Kronzeugen ruft er Jane Fontana auf, eine Komponistin von »›hard, electronic music‹ for the entertainment industry«, die nach zehn Jahren in Hollywood nun aufs Land (»she bought a cabin in the Angeles National Forest near Tujunga«, immerhin 35 Meilen von Hollywood entfernt) gezogen sei, »turning her back on hipster-infested urban life«. Auch Fontana beklagt die coole, ironische Pose, die zum Standard der Filmleute gehöre. Hip, das ist folglich Hollywood, nicht in Gestalt seiner Produkte, sondern in der seiner Macher:  »›If you connect in the hipster scene, you’ll make it in [show] business,‹ she says, ›because all the people on the business side never think they’re cool enough. The hipster scene avoids the search for oneself in a big way. It’s not about finding your voice; it’s all about conformity.‹« (»Los Angeles Times«, 20.5.2005)

Chensvold versteht das. Er hat aber auch Verständnis für diejenigen, die aus anderen Gründen Probleme mit dem Hipstertum haben – die gar nicht nach sich selbst suchen, sondern nur nach dem sicheren Wissen um das, was gerade angesagt ist. Angesichts der Fülle des Konsumangebots und schnell wechselnden Moden sei es schwer, überhaupt zu wissen, was hip ist und was nicht, vermerkt Chensvold teilnahmsvoll.

Andererseits wird von Chensvold ungerührt im nächsten Absatz verkündet: »Unlike the beatnik ‘50s, when discovering some gem of cultural arcana involved real detective work, today getting hip to the latest blog or indie rock band is as easy as logging on to the Internet.« Es ist also doch ganz und gar simpel, hip zu sein (wenn auch nicht einfach, denselben Status zu erlangen wie die Beatniks, was Letztere durch ihre schwere Kultur-Arbeit sich freilich redlich verdient haben!). Obwohl: Wenn es so einfach ist, hip zu werden (nur einen Mausklick entfernt!), dann sind – darin kommen alle Autoren überein –  höchstwahrscheinlich nur die Beatniks und ihre wacker forschenden Nachfahren hip gewesen, nicht aber diese heutigen jungen Internet-Schreiber und Blog-Leser (in Hollywood allerdings scheint man das noch nicht zu wissen; vielleicht gibt es dort geheimere Netze).

In der »New York Times« sieht man das entspannter. Mit einem der Begründer des »Vice«-Magazins, Shane Smith, hält Vanessa Grigoriadis in dem bereits angeführten Artikel »The Edge of Hip«, genau fest, was in der Hipster-Hochburg Williamsburg wichtig ist: »›For middle-class kids just out of university and living in Williamsburg,‹ he said, ›the closest thing right now to bad-ass culture is blue-collar culture, so you have hipsters play-acting blue collar […], they’re getting lots of tattoos and drinking Pabst Blue Ribbon and listening to the Yeah Yeah Yeahs.‹«

Gut, kann man sagen, der Beitrag entstammt einer Tageszeitung, er muss aktuell sein; gemäß der, wie wir gelernt haben, rasch wechselnden Hip-Trends müsste der Artikel ein paar Monate später wieder anders ausfallen. Es stand ja selbst in der »New York Times« 2003, die Interview-Äußerung des Buchautors Lanham haben wir bereits zitiert: »›Hip culture is a little exposed at the moment […] People are starting to realize that hipsters are just upper-middle-class kids in trucker hats and mesh T-shirts.‹«

Was müssen aber unsere vom Lesen müden Augen sehen, als der Blick in ein Buch fällt, das immerhin sieben Jahre später, 2010, erschienen ist: weiterhin und erneut »trucker hats«, »Papst Blue Ribbon« etc. (Mark Greif, »Positions«, S. 9). Immerhin, die Herausgeber Mark Greif, Kathleen Ross und Dayna Tortorici waren schlau genug, ihr Büchlein »What Was the Hipster?« zu nennen und gleich in der Einleitung festzustellen, dass es sich um eine historisch abgeschlossene Epoche handele (»the hipster of the period 1999-2010«). In der deutschen Teilübersetzung dieses Buches, zwei Jahre später, 2012, veröffentlicht (»Hipster. Eine transatlantische Diskussion«), weiß man in den hinzugefügten deutschen Beiträgen darum auch Bescheid: »Trucker-Mütze« (S. 165).

Tobias Rapp weiß noch mehr: Die »Digitalisierung« habe die »Ordnung des hippen Wissens gründlich über den Haufen geschmissen«, die »Existenzform des Hipsters« dürfte sich »schlicht überlebt haben«, weil nun »jeder alles immer und überall wissen kann« (S. 170). Das konnte man allerdings bereits 2005 der »Los Angeles Times« entnehmen, und dennoch hat der Hipster, sogar mit Käppi, noch einige Jahre (folgt man Greif & Co.) überlebt, bis er dann, auffallend pünktlich zu Redaktionsschluss der angeführten Bücher, offenkundig verblich.

Zumindest eines können wir deshalb schon festhalten: Selbst wenn Rapp nicht recht haben sollte und der Hipster noch lebt (vielleicht in Gegenden, in denen dieses unheimlich schnelle Internet noch nicht flächendeckend eingeführt wurde?), wäre Rapp keiner (im Netz konnte man seine Abschlussthese längst seit Jahren öfter einmal nachlesen, sogar ohne in Los Angeles zu wohnen und Abonnent der dortigen »Times« zu sein).

Sonst ist leider noch nichts klar: Gibt es auch Hipster ohne Kappen? Findet man sie in Hollywood oder Williamsburg? Bestimmen die Hipster, was hip ist? Zählen sie zu den Nonkonformisten oder befinden sich in der Mehrzahl? Ist es gut, hip zu sein (oder besser, ein mitfühlendes Gespräch im Nationalpark nahe Tujunga zu führen)? Was hat die Popkultur damit zu tun? Sind Hipster immer ironisch? Oder schon tot? Ohne es vielleicht bemerkt zu haben?

Zur Beantwortung dieser Fragen müssen wir wohl oder übel noch etwas weiterlesen; mehr in einigen Wochen in Teil 2 dieses Rezensionsartikels.

 

Literatur

Josh Aiello, Hip. Das Bestimmungsbuch für den Szenegänger [A Field Guide to the Urban Hipster (2003)], München 2004.

Christian F. Chensfold, If It’s Hip and Trendy, They’re Not Interested, in: Los Angeles Times, 20.7.2005 [http://articles.latimes.com/2005/jul/20/entertainment/et-antihip20 und http://articles.latimes.com/2005/jul/20/entertainment/et-antihip20/2].

Brenna N. Ehrlich/Andrea Bartz, http://stuffhipstershate.tumblr.com/ [Blog].

Mark Greif, Positions, in: ders./Kathleen Ross/Dayna Tortorici (Hg.), What Was the Hipster? A Sociological Investigation, New York 2010, S. 4-13.

Mark Greif, Preface, in: ders./Kathleen Ross/Dayna Tortorici (Hg.), What Was the Hipster? A Sociological Investigation, New York 2010, S. vii-xvii.

Mark Greif/Kathleen Ross/Dayna Tortorici (Hg.), What Was the Hipster? A Sociological Investigation, New York 2010.

Mark Greif/Kathleen Ross/Dayna Tortorici/Heinrich Geiselberger (Hg.), Hipster. Eine transatlantische Diskussion, Berlin 2012.

Vanessa Grigoriadis, The Edge of Hip: Vice, the Brand, in: New York Times, 28.9.2003 [https://www.nytimes.com/2003/09/28/style/the-edge-of-hip-vice-the-brand.html?pagewanted=all&src=pm].

Robert Lanham, The Hipster Handbook, New York 2003.

Aimee Plumley [= Brian Bernbaum], E-Mail an Matt Norwood v. 15.10.2002 [http://xenia.media.mit.edu/~rowan/memepark/2004/05/hipster-hating-and-its-discontents.html].

Tobias Rapp, Hackescher Markt, Trucker-Mütze, Tourist. Der Berliner Hipster in drei Begriffen, in: Mark Greif/Kathleen Ross/Dayna Tortorici/Heinrich Geiselberger (Hg.), Hipster. Eine transatlantische Diskussion, Berlin 2012, S. 159-170.

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