Nov 102012
 

[Vortragsmanuskript einer Rede im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen am 9.11.2012]

Auf den Hinweis, es gebe eine neue Zeitschrift, die »Pop«, und eine neue Website, die pop-zeitschrift.de heißt, kann man sicherlich erstaunt reagieren. An Popmusik- und Jugendzeitschriften herrscht schließlich kein Mangel, auch nicht an Zeitungsfeuilletons und Kulturzeitschriften, die sich um entsprechende Themen kümmern. Ganz zu schweigen vom Internet, wo ungezählte Websites Pop-Phänomene vorzeigen. Selbst im internationalen Wissenschaftsbereich gibt es Periodika, die gleich im Titel ausweisen, dass sie nicht dem älteren Bildungskanon verpflichtet sind, etwa die amerikanische Zeitschrift »Journal of Popular Culture«.

Dennoch fällt es leicht zu begründen, weshalb eine neue Pop-Zeitschrift zwar nicht unbedingt nottut, aber ganz gewiss auch nicht schaden muss. Sechs Gründe will ich hervorheben, die zum Teil auch ihren Zweck erfüllen, die inhaltliche Aufteilung und Konzeption der Zeitschrift zu beschreiben:

1. Um Pop in der westlichen Welt und in manch anderen Staaten zu entgehen, muss man schon weit draußen auf dem Land leben und nur sehr ausgewählte TV-Programme einschalten oder Internetseiten aufsuchen. Der erste Grund lautet darum: Pop ist so tief und so breit in der Alltags- und Medienkultur gegenwärtig, dass es fast nicht genug Zeitschriften dazu geben kann. Wenn es international Hunderte Zeitschriften zur modernen Kunst und Tausende Literaturmagazine gibt, sollte eine Handvoll akademisch-feuilletonistischer Zeitschriften zur Popkultur schlicht eine Selbstverständlichkeit sein.

2. Der zweite Grund steckt bereits in der Angabe ›akademisch-feuilletonistische Zeitschriften‹. Pop ist im Kanon in den letzten Jahrzehnten beachtlich aufgerückt. Pop-Art hängt in allen großen Museen; von der Adelung der Fotografie zur Kunst haben auch Mode-, Werbe- und Lifestylefotografen profitiert, die dem Pop-Bereich angehören oder ihn porträtieren; Popmusik und Pop-Literatur wird an deutschen Universitäten gelehrt; seit Yves Saint-Laurent geht kaum noch ein Modeschöpfer an der Streetwear und Szenekleidung vorbei; die Kulturseiten der großen Zeitungen berichten in einem fort über Quentin Tarantino, Madonna, Pet Shop Boys, »Mad Men«, Hedi Slimane, James Bond etc.

Bei solchen Anlässen werden die früher gängigen kritischen Attribute – oberflächlich, unterhaltsam, genregemäß, kommerziell, jugendgefährdend, zerstreuend, standardisiert, künstlich etc. – nicht mehr zwangsläufig abgerufen; manchmal, wenn sie verwendet werden, besitzen sie mittlerweile sogar einen positiven Unterton. Selbst Orte und Dinge, die anonym sind, weil sie nicht auf einen Schöpfer verweisen, profitieren mitunter davon: Supermärkte, Diskotheken, Leuchtreklamen, Markenlogos, Jeansboutiquen, Plastiktüten, Fernsehserien, die Inneneinrichtung von Flughäfen und Fastfood-Restaurants, das Erscheinungsbild von Autos und Flakons, von Handys und Flachbildschirmen, Graffitis, Zeichentrickreihen, Werbefilme, Postkarten und Verpackungsfolien stehen auch bei den feuilletonistischen und intellektuellen Verfechtern der Popkultur nicht immer notwendigerweise hinter den Erzeugnissen von (namentlich) bekannten Musikern, Designern, Autoren, Regisseuren.

Thomas Manns Vision aus den »Betrachtungen eines Unpolitischen«, die er während des Ersten Weltkriegs niederschrieb –

»Laßt jede Utopie des Fortschritts, laßt die Vernunftheiligung der Erde sich – jeden Traum des sozialen Eudämonismus sich erfüllen, die pazifizierte Esperanto-Erde Wirklichkeit werden: Luftomnibusse brausen über einer weißgekleideten, vernunftfrommen, staatlos-geeinigten, einsprachigen, technisch zur letzten Souveränität gelangten, elektrisch fernsehenden ›Menschheit‹: die Kunst wird noch leben, und sie wird ein Element der Unsicherheit bilden, die Möglichkeit, Denkbarkeit des Rückfalls bewahren. Sie wird von Leidenschaft und Unvernunft sprechen, Leidenschaft und Unvernunft darstellen, kultivieren und feiern, Urgedanken, Urtriebe in Ehren halten, wachhalten oder mit großer Kraft wieder wecken, den Gedanken und Trieb des Krieges zum Beispiel …« (Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Bd. 12, S. 397f.) –,

ist also teilweise eingetreten, aber nur auf der für Mann alptraumhaften Seite. Zum Schrecken von Thomas Manns »Betrachtungen« finden sich heute nicht wenige Künstler und Kunstfreunde, die ihren Frieden mit den Luftomnibussen, den elektrisierten Menschen und der künstlichen Vernunft gemacht haben und auf die Urkräfte und die verstörende, intensive, gar martialische Kunst sehr gut verzichten können.

Dies geht mitunter so weit, dass nicht einmal mehr nur die Pop-Gegenstände, denen man vielleicht etwas Unsicheres, Verstörendes oder Kultiviertes zubilligen kann, in den Genuss der Wertschätzung gelangen. Heutzutage fällt das gar nicht mehr groß auf, deshalb lohnt ein Blick in die Geschichte, um den Unterschied hervortreten zu lassen. Lange bestand die Methode, einzelne Pop-Artefakte von avantgardistischer und/oder bildungsbürgerlicher Warte aus anzuerkennen, ja genau darin, ihnen verstörendes Potenzial zu attestieren. Mit dieser Anerkennung verbunden waren Kritikmaßstäbe, die unvermeidlich und zumeist mit voller Absicht und beherztem Schwung zur Diskreditierung der allermeisten Pop-Phänomene beitrugen, um einige zu retten. Bei dieser Diskreditierung konnten unterschiedliche politische Lager spielend übereinkommen.

Zwei Beispiele dafür aus den 1960er Jahren: Kaum dass die konservative FAZ sich einigermaßen mit der Pop-Art als bildender Kunst arrangiert hat, heißt es 1967 schon wieder: »Pop als Mode, als Lebensstil, als Elixier der Unterhaltungsindustrie; das hat Pop Witz und Schärfe gekostet. Auf dem Umweg über den teils bewußten, teils unbewußten Kitsch ist Pop eingesickert in den Konsum, in die Welt der Biergläser und Streichholzschachteln. […] Nichts, das sich nicht ›verpoppen‹ ließ, und so geschah das Paradox, daß die Banalität seine [sic] Parodie eingeholt hat, sie hat sich ihrer bemächtigt, sie überwältigt und verschlungen. Superman ist dem Supermarkt erlegen« (Sabina Lietzmann, »Pop – Peng! – dreht durch. Superman im Supermarkt verendet«, FAZ, 30.12.1967). Zur gleichen Zeit beklagt der kulturrevolutionäre Underground-Anhänger Ralf-Rainer Rygulla: »Warhols letzter Film über lesbische Mädchen und süchtige Schwule wurde von der offiziellen Kritik wohlwollend aufgenommen. Die Massenmedia nehmen sich Learys LSD Parties an.« Seine Schlussfolgerung und endgültige Forderung lautet deshalb: »Der kulturelle countdown muß beschleunigt werden« (zit. n. Heinz Ohff, »Pop und die Folgen!!!«, Düsseldorf 1968, S. 38).

Heute orientiert sich eine ganze Reihe von Künstlern, Feuilletonisten, Akademikern nicht mehr an solchen Anforderungen und Maßstäben, um Pop-Gegenstände interessant oder attraktiv zu finden. Die Zeit des Countdowns ist bei vielen abgelaufen, ein kurzer Blick in die Programme der Kultursender, Museen, Universitäten, Verlage zeigt es bereits. Zweifellos stellen unser Blatt und unsere Internetseite eine Folge und zugleich eine Verlängerung dieser Tendenz dar. Wir verdanken ihr buchstäblich unsere Existenz. Dennoch wollen wir uns ihr nicht verschreiben, gerade weil diese Tendenz so stark ausgeprägt ist und auf absehbare Zeit auch bleiben wird. Die Zeitschrift braucht nicht mehr der getreue Parteigänger ihres Gegenstandes sein – für kulturelle Legitimation ist längst hinreichend gesorgt –, sie kann sich einfach der sachlichen Analyse widmen. Und weil nun nicht jede Einzelkritik mehr als ein symbolischer Akt erscheint, der auf die Nichtswürdigkeit der ganzen Pop-Richtung verweist, kann selbst die schonungslose Kritik ohne schlechtes Gewissen wieder aufgenommen werden. Auch das ist ein vernünftiger Grund, mit einer Pop-Zeitschrift zu beginnen.

3. Kritik an verschiedenen Pop-Phänomenen wird sich allein schon deshalb ergeben, weil Herausgeber und Mitarbeiter der Zeitschrift weder eine verschworene Gemeinschaft bilden noch eine wissenschaftliche Methode oder außerwissenschaftliche Zielsetzung teilen. Nicht einmal ein gemeinsamer Gegenstand darf zwingend vorausgesetzt werden. Interessieren sich die einen hauptsächlich für Pop-Fragen im strengen Sinne, wollen sich die anderen keineswegs davon abhalten lassen, unter dem Pop-Titel auch wichtige Aspekte der modernen Massenkultur zu untersuchen und zu kommentieren. Deshalb stehen in unserem ersten Heft und auf der Website Beiträge zu Lady Gaga, der Fantômas-Serie, zu Hypnagogic Pop und Facebook neben Artikeln zu Themen, die wohl kaum jemand zum engeren Pop-Bereich zählen wird – Artikel etwa zur Libyen-Berichterstattung, zu Feelgood-Movies und zur Finanzkrise.

Diese Unterschiede werden sich höchstwahrscheinlich in Versuchen niederschlagen, die Favoriten der jeweils anderen mitunter einer kritischen Analyse zu unterziehen und sie eventuell ihres Nimbus zu berauben. Das mag sich auf Geschmacksurteile beziehen oder auf Fragen der sozialen, ökonomischen, politischen, kulturellen Beschaffenheit und Bedeutung. Da Zeitschrift und Website vor allem auf die Untersuchung aktueller Themen ausgerichtet sind, dürfte sich Diskussionsstoff fast von selbst einstellen, denn Definitionen, Analysen, Kommentare sind in diesem Fall oftmals nicht nur von akademischem Interesse, sondern markieren eine Position in gerade stattfindenden ästhetischen und politischen Auseinandersetzungen.

Die Zeitschrift macht bereits mit ihrer Aufteilung in die drei Rubriken »Zur Zeit«, »Essays« und »Forschungsbeiträge« deutlich, dass nicht nur der wissenschaftliche Sprachgebrauch Eingang ins Heft finden soll. Die Autorinnen und Autoren können Pop-Phänomene auf verschiedene Weise angehen, persönlich, mit politischer oder ästhetischer Absicht oder wissenschaftlich objektivierend und mit neutralem Gestus.

Daraus leitet sich der dritte Grund ab, diese Zeitschrift mitsamt ihrer Website herauszugeben. Sie soll Wissenschaftlern ein Forum bieten, ihre Ansichten und Forschungsergebnisse einer größeren Öffentlichkeit als der ihrer jeweiligen Fachkollegen vorzustellen – und dies nicht nur in der Form fachwissenschaftlicher Abhandlungen. Pop als Disziplinen übergreifendes Thema eignet sich sehr gut dafür, auch weil an diesem Thema nicht wenige Journalisten und Studenten interessiert sind.

4. Aus dem universitären Hintergrund unserer Zeitschrift ergibt sich ein weiterer, vierter Grund. Viele unserer Beiträger haben Berufe im Staatsdienst inne, in den ersten drei Jahren wird die Zeitschrift zudem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziell unterstützt. Ob das nun insgesamt ein Vor- oder Nachteil ist, nur in geringem Maße kommerziellen Anforderungen ausgesetzt zu sein, sei dahingestellt. Ein Novum im Bereich der Pop-Berichterstattung abseits der Fanzines ist es ohne Frage. Den Unterschied merkt man dem Heft und unserer Website in einer Hinsicht deutlich an. Im Gegensatz auch zu den Magazinen, die sich selbst dem Independent-, Kunst-, Subkulturbereich von Pop zurechnen, stehen in unseren Artikeln nur selten einzelne Künstler und ihre Werke im Vordergrund; auch befragen wir nicht Künstler in Interviews, um etwas über ihre Person, ihr Leben und ihre Anschauungen zu diesem und jenem zu erfahren. Porträtfotos von Künstlern wird man bei uns deshalb kaum einmal finden, diesen Raum können andere Bilder einnehmen. Das sollte als Rechtfertigung für die Veröffentlichung von »Pop. Kultur und Kritik« schon reichen.

5. Ein anderer Unterschied hat ebenfalls etwas mit der Kunstfrage zu tun. Viele erwachsene Pop- und Rockmagazine belassen es nicht bei der Berichterstattung über Popkünstler. Regelmäßig äußern sie sich auch zu Künstlern oder Philosophen mit Künstlerstatus, die anderen Traditionen entstammen. Auch dass diese mitunter der Popkultur feindlich gegenüberstehen, ist für viele Musik-, Mode- und Zeitgeistmagazine kein Hinderungsgrund, ihnen ausgedehnte Artikel zu widmen: Neben Beiträgen zu Bruce Springsteen und Beastie Boys stehen manchmal Aufsätze zu Thomas Bernhard, Georg Lüpertz, Michael Haneke oder Giorgio Agamben. Darauf werden wir verzichten. Unsere Zeitschrift und Website bietet folglich – als fünften Rechtfertigungsgrund – zumindest etwas Originalität, ein kleines Experiment: Wie ist das, wenn in erster Linie von Supermarkt, Lady Gaga, Google, Dollar, Energydrinks, H&M, Marc Jacobs, von der elektrisch fernsehenden Menschheit die Rede ist?

6. Der letzte Grund ist einfach zu formulieren: Es gibt da einige Leute, die schreiben gerne über Werbespots, esoterische Pop-Bands, TV-Serien und den US-Wahlkampf – und diese Leute glauben, dass sich genügend Leserinnen und Leser für solche Artikel interessieren. Ob das ein zutreffender Grund ist, werden Sie entscheiden.

 

Wer den Artikel in einer wissenschaftlichen Arbeit zitieren möchte, verweise bitte auf die mit Seitenzahlen versehene PDF-Version:

MENU