Nov 072012
 

Welche tragende Rolle das Fernsehen im US-amerikanischen Wahlkampf spielte, lässt sich nicht nur an den Unmengen an Spendengeldern bemessen, die beide Kandidaten für Wahlwerbespots reservierten, sondern direkt an den Umfrageergebnissen. Es hat ganz den Anschein, als sei die Wahl erst nach dem für Obama so gravitätisch wie desaströs verlaufenen ersten Fernsehduell am 3. Oktober 2012 wieder offen gewesen. Und natürlich bemühten sich die nationalen Sendeanstalten um eine ›complete coverage‹ der Ereignisse. Mit Blick auf die ebenso unverhohlen konservativen wie liberalen Medien bedeutete dies eine weitgehende Überlappung der Berichterstattung. Interessanter, weil ergebnisoffener als dieser offizielle Diskurs waren daher die Unterhaltungsprogramme, die sich nicht in erster Linie dem politischen Kommentar, sondern ihrem (zahlenden) Publikum verpflichtet fühlten.

Barack Obama nutzte seine – wohl auch von Mitt Romney unbestrittene – Telegenität für das Self-fashioning als ein in allen Belangen lässiger 44. Präsident der Vereinigten Staaten. Markantestes Beispiel war sein Gastauftritt in Jimmy Fallons »Late Night Show« (NBC) im April dieses Jahres, bei dem er gemeinsam mit dem Moderator eine Rubrik namens »Slow Jam The News« absolvierte. Es ist unwahrscheinlich, dass irgendein anderes Staatsoberhaupt der Welt zum smoothen Soul der Roots seine Ansichten über Studiendarlehen ins Mikrofon raunen könnte, ohne sich komplett zu blamieren. Und auch Michelle Obama schaffte es, Fallon ins Weiße Haus einzuladen und mit ihm sackhüpfend und tauziehend für ihre Gesundheits­kampagne (und natürlich ihren Mann) zu werben, ohne dabei blöder auszusehen als nötig. Die erste Fernsehdebatte stieß wohl auch deshalb auf so großes Erstaunen (die »Daily Show« titelte »O Bama, Where Art Thou?«), weil derlei Auftritte Obama eigentlich liegen müssten. Seit seinem Amtsantritt war er Gast in den Sendungen von Jimmy Fallon, David Letterman, Jon Stewart, Jay Leno und Oprah Winfrey.

Mitt Romney eignete sich hingegen zunächst als Zielscheibe – vermutlich jener 47% der Amerikaner, die er auf einem Spenden-Diner abkanzelte. »Saturday Night Live« (NBC) brachte einen Sketch, in dem der von Jay Pharoa dargestellte Obama eine Reihe von Projekten auflistete, die während seiner Amtszeit nicht realisiert wurden, jedoch lakonisch anfügte: »I should be worried. But I’m not. And I’ll tell you why. Our campaign has a secret weapon. And that secret weapon is now speaking in Tulsa, Oklahoma.« Es folgte ein fingierter Auftritt Romneys (Jason Sudeikis), der sich an seine Anhänger wendete: »Hello, I’m Mitt Romney. And I understand the hardship facing ordinary Americans. For example this summer one of my horses failed to medal at the olympics. So I know hardship.« Durch tatsächlich nur leicht überzogene Darstellungen wie diese (man erinnere sich an Romneys 10.000 $-Wettangebot) erscheint rückblickend auch der Eröff­nungs­witz Romneys in der ersten Fernsehdebatte wie eine Persiflage. Der echte Romney gratulierte Obama zum 22. Hochzeitstag und stichelte mit Bezug auf dessen vorangegangenes Grußwort an Michelle: »I’m sure this was the most romantic place you could imagine – here with me!« Eben dieser Nachsatz, das so tautologische wie unsichere »here with me« zerstörte die Pointe und offenbarte vielleicht sogar so etwas wie fehlende Sensibilität.

Mit größerer Distanz und entsprechender Gelassenheit betrachteten die übrigen Late Night-Shows das Geschehen. Das Team von »Jimmy Kimmel Live!« (ABC) hatte die nicht unoriginelle Idee, Passanten einige Stunden vor Ausstrahlung der zweiten Debatte nach dem Verlauf selbiger zu befragen. Der Zuschauer erfuhr so zahlreiche (und zumeist plausible) Details der Debatte, die noch gar nicht stattgefunden hatte. Gleichzeitig offenbarten sich die zentralen Parameter des Mediums. Vor allem der unglücklich agierende Moderator der ersten Debatte, Jim Lehrer, lenkte durch seine fehlenden Interventionen die Aufmerksamkeit auf die schnell eskalierende Gesprächs­kultur. In einen Zusammenschnitt des Duells montierte Jimmy Kimmels Redaktion Ausschnitte aus dem inzwischen von Whoopi Goldberg moderierten Gesprächskreis »The View« (ABC). Und Jimmy Fallon verbot in der Rolle Mitt Romneys dem Moderator gleich ganz das Wort: »Just shut your yap a little bit. […] You’re a useless human being.« Im Laufe des Einspielers steigerten sich die infantilen Gesten und Beleidigungen, bis schließlich Fallon/Romney und Obama (Dion Flynn) dem Moderator (A. D. Miles) in seltsamer Einigkeit zuriefen „Shut the fuck up!“

Die sich hier andeutende Dynamik konterkariert die »Late Late Show« (CBS). Host Craig Ferguson ist als gebürtiger Schotte mit amerikanischer Staats­bürgerschaft eigentlich um Zurückhaltung bemüht, folgt aber ebenso dem Diktat der Aktualität bzw. der Erwartungs­haltung des Publikums. Am Vortag der zweiten Debatte spottete Ferguson noch über ein von Romney abgesagtes Fernseh-Interview: »Apparently Mitt Romney wants to limit his appereances to places where no one will attack his positions, you know – like the debates.« Tags darauf, Sendung und Debatte liefen parallel, berichtete er über einen Kunstraub in den Niederlanden: »Experts say it was the biggest heist since someone stole Obamas balls in the first debate.« Noch einen Tag später, das heißt bei erster Gelegenheit einer reellen Stellungnahme, hatte sich der Gag schon verbraucht: »Of course everybody is talking about last nights debate. I’m not though. You know how I feel about it. It’s the same way as you do, viewer. […] By this time everyone on TV has said everything there is to say. There’s no political commentary here. If you tuning in to this show for political commentary, you don’t deserve any. You deserve an immigrant, a gay robot and a horse. And that’s what you’re gonna get.«

Der um keine Flachheit verlegene Ferguson – bei dem »gay robot« handelt es sich um seinen Sidekick Geoff Peterson, einen von Josh Robert Thompson gesprochenen schwulen Roboter in Form eines menschlichen Skeletts – folgte hier einer Logik der Entautomatisierung. Denn die spätestens mit Romneys Big Bird-Beispiel beschrittene humorige Ebene veranlasste selbst die etwas biedere »Rachel Maddow Show« (MSNBC) ein im Internet populäres »Bad Lip Reading« der ersten Debatte zu zeigen. Wie eingefahren die Pfade tatsächlich waren, ließ sich am Eröffnungsmonolog von Conan O’Briens Show »Conan« (TBS) am Tag der dritten Debatte ablesen, in dem er fragte: »What’s more shocking to see in Boca Raton: a mormon or a black guy?« O’Brien thematisierte indes den zeitlichen Konflikt und gab an, dass die Show neun Monate vorher aufgezeichnet werde und man noch nicht einmal wisse, wie der Kandidat der Republikaner heiße. (»Herman Cain« wirft Sidekick Andy Richter ein.) Allein die Prognose des Ergebnisses stimmte trotzdem: »Pundits say it will be close, but the edge will probably go to the candidate who wears the ›I killed Osama Bin Laden‹-T-Shirt.«

Die skizzierte Konstellation rahmte zwei Formate, die durch ihren jeweiligen Extremismus sozusagen als Yin und Yang des medialen Wahlkampfes gelten können. Der Sender Fox und insbesondere Anchor Bill O’Reilly machten aus ihrer bedingunglosen Unterstützung der Republikaner keinen Hehl. Gleiches galt für Jon Stewarts »Daily Show« (Comedy Central), die sich allerdings um argumentative wie journalistische Standards bemühte und natürlich den Demokraten nahestand (und steht). Dies ging so weit, dass O’Reilly und Stewart sich Anfang Oktober ein Fernsehduell lieferten (»The Rumble« betitelt), in dem sie die alte Feindschaft pflegten, aber auch stellvertretend für die politischen Lager relativ ernsthaft diskutierten. Das Eingangs­statement von Stewart (»My friend Bill O’Reilly is completely full of shit«) mag als Ausweis der komödiantischen Elemente dienen, es zeigte zugleich, dass die penible mediale Beobachtung der realen Präsidentschaftskandidaten einen Austausch ›echter‹ Meinungen verhinderte. Romney war für seine generelle Kompromissbereitschaft (auch gegenüber der Rechten) berüchtigt, Obama wiederum verließ sich lange Zeit auf die Würde des Amtes. Erst im Off der politischen Klasse konnten Debatten geführt werden, die der vielzitierten demokratischen Tradition des Landes gerecht wurden. »I have come here«, fuhr Stewart fort, »to plea to the mayor of bullshit mountain.«

Die »Daily Show« begleitete schon die dem Wahlkampf vorangehenden Parteitage mit Sonder­sendungen. Jon Stewarts ›Best Fucking News Team Of The World‹ zielte dabei sowohl auf die selbstherrliche Inszenierung der Republikaner als auf die verbissene Toleranz der Demokraten. Besonders treffend hier die im Umfeld des demokratischen Parteitags gestellte Frage nach einem passenden Wahlslogan. Senior Correspondent John Oliver unterbrach einen noch nachdenkenden Demokraten und verkündete mit unüberhörbarem Sarkasmus: »Yes, we can, but … – that’s it.«. Die anschließende Nachstellung des entsprechenden Videoclips von 2008 (bzw. des »Yes we can«-Songs von Will.i.am) demonstrierte, dass der eigentliche Gegenstand der Kritik nicht die immer durchschaubaren politischen Rhetoriken waren, sondern das Medium ihrer Verbreitung. Durch Befragungen wie diese, vor allem aber durch das virtuose Kompilieren von Ausschnitten aus den diversen Nachrichten­formaten wurde die Willkür der Parteigänger und Experten aufgedeckt, ohne dass die Show bzw. ihr Moderator Jon Stewart einen eindeutigen Standpunkt beziehen musste.

Besonders wichtig wurde dies in der Endphase des Wahlkampfes. Ein Beitrag versammelte die Einschätzungen von nicht weniger als zehn Experten, die mit der gleichen Emphase vollkommen unterschiedliche Vorhersagen wagten. Der Experte des letzten Beitrags gab dementgegen zu, dass eine stimmige Prognose unmöglich sei, was wiederum Jon Stewart ironisch kommentierte: »Impossible? Just open your mouth!« Diese Einschätzung diente nun als Überleitung zum gescheiterten Kandidaten Newt Gingrich, der erst selbstbewusst in die Kamera sprach, seine Nominierung sei so gut wie sicher, und im nächsten Clip einen haushohen Sieg Romneys prognostizierte. Natürlich ist auch dieses Verfahren in gewisser Weise manipulativ, weil es die referentielle Funktion privilegiert und die emotive Funktion des Sprechaktes quasi ausklammert. (Der Subtext lautete: Weil Gingrich falsch lag, wird Obama gewinnen.) Vice versa eignet den Fernsehbildern eine gewisse Evidenz. Der Endpunkt dieser Entwicklung wurde in einem Zusammenschnitt der Abschlusskundgebungen sichtbar, der zuerst Obama zeigte, der den Namen seines Kontrahenten nannte und auf die nachfolgenden Buh-Rufe seiner Anhänger erwiderte: »No, no, no. Don’t boo, vote. Vote! Voting is the best revenge.« Gegengeschnitten wurde nun ein Clip aus Romneys Rede, der diese Szene wie folgt zusammenfasste: »President Obama asked his supporters to vote for revenge.« Steilvorlagen wie diese können gewiss unkommentiert bleiben.

Es gehört paradoxerweise zum journalistischen Ethos Stewarts und der »Daily Show«, dass er seine liberale Gesinnung offenlegt und diese – hierin der vielbeachteten Parteitagsrede Bill Clintons gleich – mit Argumenten und Fakten untermauert, das heißt dem Bauchgefühl der Republikaner ein liberales ›Kopfgefühl‹ entgegenstellt. Trotzdem ist auch er primär der Unterhaltung seines Publikums verpflichtet. Darum war der letzte Besuch Obamas bei Stewart zwar eine Art Heimspiel, das von gegenseitiger Wertschätzung lebte und dem Präsidenten Gelegenheit bot, sein Scheitern in der ersten Debatte zu erklären. Diese Bühne schloß allerdings ein, dass Obama eine gewisse (moderate) Pointendichte akzeptierte. In dieser kritischen Phase wäre ein Cameo-Auftritt wie derjenige von 2009 im »Daily Show«-Spin Off »The Colbert Report« undenkbar gewesen. Denn die von Stephen Colbert verkörperte Figur eines fanatischen Republikaners liefert in ihrer ironischen Exaltiert­heit einen schönen Beitrag zum inoffiziellen Wahlslogan der Demokraten (»We’re not perfect, but they’re nuts.«), mit dem sich der auf Fairness und Ausgleich bedachte Obama schwerlich identifizieren wollte. Stewart hingegen wird so sehr als Journalist wahrgenommen, dass er auch Kollegen gegenüber immer wieder betonen muss, eigentlich Comedien zu sein – dessen Sendung auf dem Bezahlsender Comedy Central läuft. Als Obama seinem Interviewer Jon Stewart gegenüber einige unpopuläre Entscheidungen rechtfertigte und diese als »not real sexy« bezeichnete, warf dieser ein »You don’t know what I find sexy.« Obama antwortete schlagfertig: »Let me put it this way: I saw you flashing with that Shades of Grey-thing, so I know what you’ve been reading, but …« Auf das Gelächter Stewarts hin unterbricht er sich selbst: »Uh, we’re not gonna go there. I’m still the president.« – Das ist er.

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