Nov 012012
 

In regelmäßigen Abständen werden wir an dieser Stelle interessante Artikel der letzten Monate vorstellen, die im Internet frei zugänglich sind. Dieses Mal sind es Artikel von Camille Paglia zur Kunstszene, von Slavoj Žižek zu »The Dark Knight Rises«, von Wolfgang Streeck zu »Markets and Peoples«, von Ulf Poschardt zur Vision einer urbanen CDU und von Holly Hilgenberg zu Lifestyle-Blogs.

Camille Paglia verrichtet ihren Job als Pop- und Anti-PC-Autorin auf gewohnt zuverlässige, gut zu lesende, wenn auch nur selten überzeugende Weise. In ihrem aktuellen Artikel »How Capitalism Can Save Art« greift sie ausgerechnet im »Wall Street Journal« die Kunstszene an. Ein solider Pop-Schachzug von ihr ist es, die Genie- und Subjektivitätsästhetik im Namen des Designhandwerks zu attackieren. Ein weiterer Zug besteht darin, den Zusammenhang von bildender Kunst und universitärer Theorie kritisch herauszustellen: »The art world, like humanities faculties, suffers from a monolithic political orthodoxy – an upper-middle-class liberalism far from the fiery antiestablishment leftism of the 1960s.« Das führt sie zu der absurden Schlussfolgerung und Aufforderung, die heutigen Künstler sollten sich als Unternehmer verstehen. Das muss man ihnen wirklich nicht mehr sagen.

Der andere antiliberale, inzwischen noch viel erfolgreichere Matador des Pop-Feuilletonismus, Slavoj Žižek, meldet sich im »New Statesman« mit einem Update seiner Hollywood-Zeitgeistlektüren: »The Politics of Batman«. »Hollywood blockbusters are precise indicators of the ideological predicaments of our societies«, heißt die Grundthese. Bei »The Dark Knight Rises« lautet Žižeks Fallinterpretation, dass im jüngsten Batman-Film Hollywood auf höchst widersprüchliche, aber doch sichtbare, ausgesprochene Weise dazu auffordere, sich von der Volksmacht einnehmen zu lassen. Wie Žižek vom nur schlecht verdrängten Populismus zum »dictatorship of the proletariat in Manhattan« kommt, bleibt sein Geheimnis. Aber immerhin, Paglia wird teilweise zufrieden sein: wenigstens kein »upper-middle-class liberalism«.

Politisch etwas verwirrender: Wolfgang Streecks zuerst in linksintellektuellem Zusammenhang publizierte scharfe Kritik an neoliberalen Therapien und an Finanzmarktexperten (bzw. ›Goldmännern‹) wie Mario Draghi wird neuerdings auch von deutschen Zeitschriften veröffentlicht, die linkssozialdemokratischer Umtriebe gänzlich unverdächtig sind (»Merkur«, Heft 9/10 2012). Wenn man den grundlegenden Artikel »Markets and Peoples« von Streeck, Geschäftsführender Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, aus der »New Left Review« bis zum Ende liest, stößt man jedoch auf den Schlüssel zum Allparteien-Glück: die Kritik am »self-destructive mass con­sumerism«.

Mit dem Massenkonsum hat auch Ulf Poschardt wenig zu tun, er wünscht sich in der »Welt« (»Würde sie CDU wählen?«) nach der Niederlage der CDU bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart vielmehr eine christ- und freidemokratische Partei mit urbanem, bohemehaftem Flair. »Union wie FDP müssen im Häuserkampf Museum für Museum, Theater für Theater, Schwulendisco für Schwulendisco die Deutungshoheit der Linken angreifen«, ruft er in Gramsci- und Peter-Glotz-Tradition, angereichert freilich mit dem wohlfeilen Jargon des Pop-Schreibers.

Trösten mag Poschardt vielleicht, dass der Zeitgeist nicht nur außerhalb metropolitaner Kulturstätten schwerlich als ›links‹ einzustufen ist. Holly Hilgenberg schreibt in »Bitch« in kritischem, aber nicht denunziatorischem Tonfall über »personal blogs« von Frauen »that are just about, well, living life«. Lifestyle heißt hier: »The pastels; soft-focus and color-saturated photo filters; optimistic, sunny tone; and tendency to address readers as ›sweeties,‹ ›darlings,‹ and other diminutives characterize many of the most visible lifestyle blogs. Coupled with the focus on domesticity and the home, bloggers start to resemble a contemporary, superwoman version of a stereotypical 1950s housewife.« Und Hilgenberg vergisst in ihrem Artikel »Better Homes & Bloggers« auch nicht zu erwähnen, dass in popfeministischen New Yorker Blättern wie »Bust« die »›new domesticity‹« schon länger eine etwas andere Variante des ›Häuserkampfes‹ darstellt.

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