Okt 232012
 

Am Ende des Artikels »Kredit und Krise« im ersten Heft der Printausgabe von »Pop. Kultur und Kritik« war von der »angekündigten, in größerem Stil noch ausstehenden Sozialisierung spanischer Banken-Abschreibungen und den rezessiven Konsequenzen der auferlegten Sparpolitik« die Rede. Wenig überraschend, ist dieser Prozess kurz nach Abfassung dieses Artikels (Ende März 2012) so richtig in Schwung gekommen. Bereits im Frühjahr stiegen die Zinsen für spanische Staatsanleihen beträchtlich – und gerät das Land immer tiefer in die Rezession. In raschem Schritt reiht sich seitdem eine Maßnahme der europäischen Führungsmächte an die andere, die Krise zu begrenzen.

Früher hätte man gesagt, man könne wegen der Schnelllebigkeit von Pop keine Zeitschrift zum Thema herausbringen, die nur alle sechs Monate erscheint. Die musikalischen und damit oftmals verbundenen modischen Trends und Szenen würden einen schnelleren Rhythmus geradezu erzwingen, lautete das gängige Urteil. Wenn man hingegen heute selbst nur in die Jahresrückblicke der einschlägigen Musikzeitschriften schaut, muss man nicht das Gefühl bekommen, Wichtiges verpasst zu haben. Wahrscheinlich reicht es auch aus, alle drei, vier Jahre hineinzublättern, wenn man sich nicht stark für kleinere Entwicklungen und vor allem für Neuerscheinungen interessiert (die ästhetisch genauso wertvoll sein können wie Stilumschwünge, Gründungsdokumente und hochoriginelle Werke – aber das ist hier nicht der springende Punkt).

Viel rasanter und in manchen Ländern einschneidender geht es an den Finanzmärkten zu. Soll man sie deshalb zur Popkultur schlagen? Ganz falsch ist es sicherlich nicht. Das Bild vom langweiligen, blassen Banker ist seinerseits längst blass geworden, an seine Stelle treten die Aufnahmen der slicken, modernen Angestellten und Hedgefondspekulanten in mondänen und mitunter auch hippen Clubs oder vor verspiegelten Oberflächen. Zwar stellt das mittlerweile auch schon wieder ein Zerrbild in Zeiten dar, in denen die Finanzbranche nicht mehr bloß von smarten, entscheidungsfreudigen Brokern, sondern von den Programmen der Spitzenabsolventen universitärer Mathematik- und Physikinstitute bestimmt wird. Aber es ist zumindest insofern kein völlig trügerisches Bild, als die im Schnitt noch recht jungen Investmentbanker trotz ihrer oft teuer erkauften Master-of-Business-Administration-Abschlüsse, die recht zuverlässig auf eine Herkunft aus der oberen Mittelschicht hindeuten, zumeist kaum noch der Bildungstradition verhaftet sind – also seltener in Theater oder Oper und häufiger in Diskotheken oder Stadionlogen anzutreffen sind, eher Aufputschdrogen als Rotwein bevorzugen, usf.

Es ist auch deshalb kein trügerisches Bild, weil die Finanzinvestments wegen ihres zumeist kurzen zeitlichen Horizonts besser mit den Moden der Popkultur als mit den längeren Zyklen der alten, vormodernen Welt vergleichbar sind. Falsch ist an diesem Vergleich jedoch die Annahme, dass kurzatmiger, spekulativer Exzess in wichtigem Maße von den Bedingungen einer Pop-Sozialisation abhänge. Soweit bekannt, wird an den MBA-Ausbildungsstätten nicht Lady Gaga gelehrt, sondern neoklassisches, neoliberales Denken in mathematische Formeln gegossen sowie Leistungsbereitschaft, Führungsstärke, Teamfähigkeit anerzogen – und ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher reicht aus, um sich zu überzeugen, dass auch Banker mit bildungsbürgerlichen Vorlieben keineswegs vorausschauender, vernünftiger, kontrollierter, vorsichtiger (oder wie immer man das zu nennen beliebt) gehandelt haben bzw., besser gesagt, in der Summe und unter den Bedingungen ökonomischer Konkurrenz handeln konnten.

[zu den momentanen Ergebnissen und weltanschaulichen Einfassungen dieser ökonomischen Konkurrenz demnächst mehr im zweiten Teil von »Kredit und fortgesetzte Krise«]

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